Traum einer Nacht

  • Posted on Oktober 11, 2014 at 14:11

Traum einer Nacht

Traum einer Nacht

 

Schwungvoll fuhr Lilly die Auffahrt zu der Villa von Reiners Eltern hoch.

„Mensch Sina, das wird bestimmt eine super Sylvesterparty“, sagte sie fröhlich.

„Ach, ich weiß nicht“, meinte Sina skeptisch, „du weißt ja, was ich von solchen Partys halte.“

Ungeduldig drückte Lilly auf die Klingel. „Jetzt sei bitte kein Spielverderber und mach um Gottes Willen ein anderes Gesicht.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Reiner begrüßte die Beiden überschwänglich. Er drückte ihnen, nachdem sie ihre Mäntel ausgezogen hatten, ein Glas Sekt in die Hand.

„Schön, dass ihr gekommen seid. Wie heißt es doch: Je später der Abend, umso schöner die Gäste“, scherzte er. „Immer hereinspaziert, die Luft ist rein.“

Sina schaute ihn verständnislos an. „Wie, die Luft ist rein?“

„Das bedeutet, dass meine Alten gemütlich unter Palmen im sonnigen Süden liegen und wir hier richtig einen draufmachen können. So, jetzt muss ich mich aber um den Getränkenachschub kümmern. Amüsiert euch gut.“

Die Party war bereits in vollem Gange, als Lilly und Sina den Partykeller betraten und die Stereoanlage machte in puncto Lautstärke jedem Flugzeugstart Konkurrenz.

„Ich werde mich gleich mal in die Menge stürzen“, schrie Lilly und damit war sie auch schon verschwunden.

Unschlüssig blieb Sina neben der Tür stehen und schaute sich erst einmal um. Der große Raum war brechend voll und überall standen junge Leute in mehr oder weniger großen Gruppen zusammen, gestikulierten heftig, lachten und schienen sich blendend zu unterhalten. Auf der Tanzfläche in der Mitte des Raumes drehten sich mehrere Paare zu heißer Musik, das heißt, einige standen auch nur eng umschlungen da und schmusten ausgiebig.

Wehmütig schaut Sina ihnen zu und strich sich dabei eine Strähne ihrer langen blonden Haare aus dem Gesicht. Immer wenn sie verliebte Pärchen sah, musste sie an ihren Schulfreund Michael denken. Während der ganzen Schulzeit und noch bis heute war Sina unsterblich in ihn verliebt gewesen, doch er hatte sie leider immer nur als gute Freundin gesehen. Kein Wunder, so wie er aussah liefen ihm die Mädchen in Scharen hinterher und er konnte sich immer die Hübschesten aussuchen.

Unwillig schüttelte Sina den Kopf und riss ihren Blick gewaltsam von den Paaren los. Es war sowieso vorbei, denn letztes Jahr nach dem Abitur hatten sich ihre Wege getrennt. Sina war hierher nach München gekommen um Journalismus zu studieren und Michael war in Augsburg geblieben. Er arbeitete in der Firma seines Vaters.

Sina bahnte sich einen Weg in den hinteren Teil des Raumes, um sich an der Bar einen Orangensaft zu holen. Etwas verloren stand sie dann da und hielt sich krampfhaft an ihrem Glas fest. Plötzlich stieß sie jemand in die Rippen.

„Verdammt, kannst du nicht…“, entfuhr es ihr, als sie sich wütend zu dem Rüpel umdrehte. Doch weiter kam sie nicht, hielt mitten in der Bewegung inne und stand fassungslos, mit halb geöffnetem Mund da.

„Entschuldigung“, sagte der Rüpel und grinste sie dabei ganz und gar nicht schuldbewusst an.

„Michael? Was…, ich meine…, wo kommst du denn her?“, stotterte Sina verwirrt.

Eben noch hatte sie sehnsüchtig an ihn gedacht  und nun stand er leibhaftig vor ihr. Wenn das kein Wink des Schicksals war…?

„Ich bin schon seit einer Woche hier bei Reiner. Und du? Was hat dich hierher verschlagen?“

Langsam löste sich Sinas Starre. „Reiner ist ein Studienkollege von mir und meiner Freundin Lilly.“

„Was für ein Zufall. Da sieht man doch wieder, wie klein die Welt ist. Hast du Lust mit mir zu tanzen?“

Was für eine Frage, natürlich hatte Grit Lust, und wie. Sie schmiegte sich eng in seine starken Arme, lehnte den Kopf an seine Schulter und atmete seinen herben männlichen Duft ein. Michael überragte sie um gut einen Kopf und unter seinem Hemd konnte sie seinen durchtrainierten Körper spüren. Verliebt schloss Sina die Augen und wünschte, der Abend würde nie zu Ende gehen. Vielleicht würde sich ihr Traum nun doch noch erfüllen.

Als sie genug vom Tanzen hatten, suchten sie sich ein gemütliches Plätzchen und waren bald in ein angeregtes Gespräch vertieft. Immer, wenn Michael sich mit seinen dunkelblauen Augen ansah, vollführte ihr Herz einen stürmischen Trommelwirbel. Seine schwarzen Haare trug er etwas länger als früher, was im sehr gut stand. Und wenn er lachte, so wie jetzt, zeigte er die beiden Grübchen, die Sina schon immer so süß gefunden hatte.

Plötzlich stand Reiner vor ihnen. „Hier steckt ihr also“, sagte er und drückte ihnen ein Glas Champagner in die Hand. „Es wird Zeit, hört ihr?“

Verwirrt schaute Sina auf und da hörte sie die Meute den Countdown grölen. „Oh, ist es schon so spät?“

Sie standen auf, prosteten sich zu und dann umarmte Michael sie zärtlich, küsste sie und sagte: „Ich wünsche dir für das neue Jahr das alle deine Träume in Erfüllung gehen.“

Sina erwiderte seine Umarmung und fühlte sich wie im siebten Himmel.

Doch was dann kam, würde sie niemals wieder vergessen können. Wie vom Blitz getroffen stand sie da und starrte auf Michael und Reiner, die sich zärtlich umarmten und dann auf den Mund küssten. Doch bevor sie in irgendeiner Weise reagieren konnte, war Reiner schon wieder verschwunden.

Sina fuhr sich über die Augen. Gegen ihren Willen, beinahe ohne, dass sie es bemerkte, stieg ein Schluchzen in ihr hoch. „Warum…, seit wann… bist du… „, stammelte sie unter Tränen.

Liebevoll legte Michael den Arm um sie. „Du hast nicht gewusst, dass ich homosexuell bin?“, fragte er leise. „Bist du nun sehr enttäuscht von mir?“

„Und früher? Du hattest doch immer Freundinnen…“, fragte Sina verzweifelt.

Michael zog ein Papiertaschentuch aus seiner Hose und wischte ihr zart die Tränen fort. „Ich wollte doch einfach nur normal sein und habe mich sehr lange Zeit dagegen gewehrt“, sagte er schlicht. „Immer war ich hin und her gerissen zwischen dem, was ich fühlte und dem, was die Gesellschaft und meine Eltern von mir erwarteten. Reiner hat mich überzeugt, dass man zu seinen Gefühlen stehen muss und bei ihm fand ich, was ich lange gesucht habe, Verständnis und Geborgenheit.“

Sina putzte sich geräuschvoll die Nase. „Bringst du mich nach Hause?“, fragte sie und lächelte unter Tränen.

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