Oma Lotti

Oma Lotti

Oma Lotti

- Manchmal werden auch Träume wahr -

 

Oma Lotti sah wie jeden Tag die wenige Post durch, die meistens aus irgendwelchen Reklamesendungen oder Rechnungen bestand. Sie bekam selten einen Brief oder eine Karte. Wer sollte ihr auch schreiben? Sie hatte ja nur noch ihre Tochter Hannelore nebst Schwiegersohn Ferdinand und ihre Enkelin Jenny und die wohnten im gleichen Haus.

Oma Lotti seufzte und wollte schon den ganzen Packen in die Altpapierkiste befördern, als ein Umschlag ihre Aufmerksamkeit weckte. Sie riss das Kuvert auf und entfaltete den Brief. Er war von der Lotteriegesellschaft, bei der Oma Lotti schon seit vielen Jahren mehrere Lose besaß, aber noch nie etwas gewonnen hatte. Mit wachsender Erregung las sie, was da stand: Herzlichen Glückwunsch, Frau Pfeifer. Sie haben mit Ihrem Los Nummer 165489 die Summe von 250.000,00 Euro gewonnen. Das Geld wird in den nächsten Tagen Ihrem Konto gutgeschrieben.“

Oma Lotti wollte ihren Augen nicht trauen. Sie, Oma Pfeiffer, sollte sage und schreibe 250.000,00 Euro gewonnen haben! Nicht zu fassen! In ihrem ganzen Leben, und das währte nun immerhin schon runde zweiundsiebzig Jahre, hatte sie noch niemals etwas gewonnen. Alles, was sie heute besaß, hatten sie und ihr verstorbener Mann sich mühsam erarbeitet. Wenn Otto das noch hätte erleben dürfen…. Was hätten sie dann alles zusammen unternehmen können.

„Oma Lotti! Bist du hier?“ rief eine Stimme aus dem Hausflur und eine Sekunde später stand ihre achtzehnjährige Enkelin Jenny vor ihr.

Oma Lotti schrak zusammen und schaute Jenny verwirrt an.

„Hi, Oma Lotti, hab ich was auf der Nase oder warum schaust du mich so entgeistert an?“ fragte Jenny lachend und versetzte Oma Lotti einen liebevollen Stoß in die Seite.

„Ich…, ich habe gewonnen….., in der Lotterie, viel Geld“, stammelte Oma Lotti. „250.000,00 Euro!“

„Was?“ rief Jenny. „Ey, das wär ja voll der Hammer! Das glaub ich jetzt einfach nicht.“

Oma Lotti reichte Jenny den Brief und wartete ungeduldig, bis ihre Enkelin ihn gelesen hatte. „Na, glaubst du es jetzt?“

„Mensch, Omilein, jetzt bist du ja auf deine alten Tage noch eine reiche Frau geworden. Ist ja irre! Was willst du denn nun mit dem vielen Geld anstellen?“

„Langsam, Jenny, langsam“, bremste Oma Lotti Jennys Begeisterung. „Ich muss diese Nachricht erst einmal verdauen. Jetzt könnt‘ ich einen Schnaps vertragen.“ Sie ging zum Kühlschrank und holte eine Flasche Korn heraus, schraubte den Deckel ab und nahm einen kräftigen Schluck, direkt aus der Flasche.

„Aber Oma Lotti“, rief Jenny empört, „du kannst doch nicht am helllichten Tag morgens schon Schnaps trinken und dazu auch noch aus der Flasche.“

„Doch, kann ich“, sagte Oma Lotti fröhlich und hielt Jenny die Flasche hin. „Und du darfst zur Feier des Tages auch einen Schluck abhaben.“

Jenny zuckte die Schultern und tat es ihrer Großmutter gleich. Sie setzte die Flasche an den Mund und nahm einen kräftigen Schluck. Augenblicklich fing sie an zu husten und zu keuchen. Jennys Gesicht wurde knallrot und sie japste nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Lachend klopfte Oma Lotti ihr auf den Rücken. „Ist wohl doch zu scharf für dich du Küken. Besser du trinkst das Zeug nicht. Komm, jetzt frühstücken wir beide gemütlich zusammen.“

„Sollen wir es nicht erst Mutti erzählen“, krächzte Jenny zwischen zwei Hustenstößen.

Oma Lotti ging zum Küchenschrank und nahm zwei Tassen und zwei Teller heraus und trug sie vorsichtig zum Tisch. „Nein, lass mal, Jenny. Sie erfahren es noch früh genug. Möchtest du Kaffee oder lieber Tee?“

„Kaffee“, antwortete Jenny und holte Butter und Marmelade aus dem Kühlschrank.

Es klopfte an der Wohnungstüre und einen Moment später stand Jennys Mutter in der Küche. „Guten Morgen, ihr Beiden“, sagte sie und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Hm, hier riecht es aber gut. Ihr könnt mich ruhig auch zum Frühstück einladen.“

„Na gut“, meinte Jenny gönnerhaft, „wenn du nun schon mal da bist.“

Ihre Mutter drohte ihr lächelnd mit dem Zeigefinger. „Vorsicht, junge Dame, nicht so vorlaut.“

Oma Lotti stellte noch eine Tasse und einen Teller auf den Tisch und kurze Zeit später saßen die Drei einträchtig beim Frühstück.

„Ach, so ein Samstagmorgen ist einfach schön“, seufzte Hannelore und räkelte sich wohlig  in ihrem Stuhl. „Man muss nicht zur Arbeit und….. Sagt mal“, unterbrach sie sich da, „warum sitzen wir bei dem herrlichen Sonnenschein eigentlich nicht draußen auf der Terrasse?“

Doch, bevor ihr jemand antworten konnte, klopfte es wieder an die Wohnungstüre. „Herein!“ schrien  die Drei lachend im Chor.

„Na denn“, sagte Jenny, „jetzt sind wir ja vollzählig und dann….“ , sie sah Oma Lotti verschmitzt an, „können wir ja endlich…“

„Morgen“, ertönte eine sonore Stimme von draußen und im gleichen Moment schob sich ein gewaltiger Bauch zur Türe herein. „Hab mir schon gedacht, dass ihr es euch hier gut gehen lasst. Ich kann oben verhungern? Das habt ihr euch ja fein ausgedacht“, sagte Ferdinand gespielt entrüstet. „Aber ich werde euch einen Strich durch die Rechnung machen und rühre mich nicht eher mehr von hier weg, bis ich ein richtiges Frühstück bekommen habe. Am liebsten Speck mit Rühreiern.“ Er ließ sich auf den nunmehr letzten freien Stuhl sinken.

Oma Lotti stand schnell auf und machte sich sogleich daran für das leibliche Wohl ihres Schwiegersohnes zu sorgen.

„Omi hat gewonnen“, platzte Jenny da heraus und schaute ihre Eltern triumphierend an, als wäre das ihr Verdienst. „Sie ist jetzt reich!“

„Gewonnen? Wo?“ fragte Hannelore überrascht.

„Was?“ fragte Ferdinand neugierig.

„Na, jede Menge Kohle! Geld! Kapiert doch – 250.000,00 Euro!“ erklärte Jenny aufgeregt und stand auf, um den Brief der Lotteriegesellschaft zu holen. Sie drückte ihn ihrem Vater in die Hand. „Da, lies selber!“

In diesem Augenblick kam Oma Lotti schon mit der dampfenden Pfanne und lud ihrem Schwiegersohn die Rühreier mit Speck auf den Teller. Ruhig setzte sie sich wieder auf ihren Platz.

„Gott, das stimmt ja wirklich, Hannelore“, sagte Ferdinand und reichte den Brief an seine Frau weiter.

„Was machen wir denn nun mit dem vielen Geld Mutter?“ fragte Hannelore eifrig. „Damit könnten wir endlich das Haus renovieren.“

„Mum!“ rief Jenny da empört. „Das Geld gehört nicht dir, es gehört Oma Lotti.“

„Entschuldige, Mutter, natürlich gehört es dir und du entscheidest was damit gemacht wird“, entschuldigte sich Hannelore sofort.

Ein paar Tage später, als Oma Lotti sich höchstpersönlich davon überzeugt hatte, dass das Geld auch wirklich auf ihrem Konto war, rief sie ihre Enkelin zu sich. „Jenny, ich habe einen großen Wunsch, den ich mir mit deiner und des Geldes Hilfe erfüllen möchte“, sagte sie feierlich. „Ich möchte einmal all das machen, was ich in meiner Jugend nicht durfte und nicht konnte.“

„Was…, was meinst du da….?“ Setzte Jenny an, wurde aber sogleich von Oma Lotti unterbrochen. „Hör zu, Jenny. Als ich jung war, war es Krieg und meine Eltern waren ziemlich arm. Der einzige Stolz, den sie hatten, war ich, eine wohlerzogene Tochter. Ich musste immer machen, was andere von mir erwarteten. Ich durfte nie aus dem Rahmen fallen oder über die Stränge schlagen. Ihr habt so viel Freiheit und wisst sie oft gar nicht zu schätzen. Ich durfte keinen Führerschein machen, weil das Geld für wichtigere Dinge gebraucht wurde. Ich hatte nie ein eigenes Auto. Ich konnte keinen Tanzkurs machen, mir keine Haare färben und meine Kleider ließ meine Mutter aus gebrauchten Stoffen nähen.“

„Mensch Omilein“, sagte Jenny leise, „die Zeiten sind doch schon lange vorbei.  Heute geht’s dir doch echt gut.“

„Sicher Kind, du hast schon recht, aber es gibt trotzdem so vieles, was ich einmal in meinem Leben noch machen möchte. Mir bleibt auch nicht mehr allzu viel Zeit. In meinem Alter weiß man nie was kommt – aber egal – das Geld und du werden mir dabei helfen meine Träume zu verwirklichen. Versprichst du mir das?“

Jenny sah ihre Großmutter erwartungsvoll an. „Was soll ich denn tun?“ fragte sie dann.

Oma Lotti blinzelte ihr verschwörerisch zu. „Vor allem nicht gleich alles was ich vorhabe brühwarm meiner Tochter und meinem Schwiegersohn verraten!“

„Aber Omi, wofür hältst du mich denn?“ sagte Jenny verschmitzt und zwinkerte genauso verschwörerisch zurück. „Also, womit fangen wir an?“ fragte sie unternehmungslustig.

„Als erste werde ich den Führerschein machen und mir dann ein Auto kaufen, am liebsten einen Sportwagen. Ich habe mich bereits in einer Fahrschule angemeldet“, sagte Oma Lotti stolz.

Jenny riss die Augen auf. „Das, das glaub ich jetzt echt nicht. Wow…voll geil! Wenn ich das meinen Freunden erzähle…“

Oma Lotti drohte ihr schelmisch mit dem Zeigefinger. „Das wirst du schön bleiben lassen. Vielleicht rassle ich ja durch die Prüfung…  Ich will mich doch nicht blamieren.“

Am nächsten Morgen ging Oma Lotti als erstes zu ihrem Friseur und ließ ihre langen grauen, im Nacken zu einem Dutt frisierten Haare zugunsten eines fedrig geschnittenen Kurzhaarschnittes abschneiden, der dann auf ihren Wunsch, aber gegen den lautstarken Protest ihres Friseurs, kohlrabenschwarz eingefärbt wurde. Zu guter Letzt wurde der Haarschnitt noch mit dunkelblauen Strähnen aufgepeppt.

Ihr nächster Gang führte sie in ein Piercing-Studio, wo sie sich einen kleinen Diamanten aussuchte, der fortan ihre Nase zierte. Noch lange Zeit danach musste Oma Lotti lachen, wenn sie an den Blick des jungen Mannes dachte, nachdem sie ihm erklärt hatte, dass sie ein Nasenpiercing haben wollte. Er hatte sie angesehen, als käme sie von einem anderen Stern. Anschließend war shoppen angesagt. Diesen Ausdruck hatte sie von Jenny. Heutzutage ging man nicht mehr einfach nur einkaufen, nein, heute ging man shoppen. Nachdem sie sämtlichen Bekleidungsgeschäften der Stadt einen Besuch abgestattet hatte und ihre Beine schließlich den Dienst zu versagen drohten, ließ sie sich ein einem Café auf einen Stuhl fallen. Frisch gestärkt mit einem Cappuccino und einem großen Stück Sahnetorte ging es dann mit einem Taxi und jeder Menge Einkaufstüten nach Hause.

Oma Lotti hatte gerade den Taxifahrer bezahlt, als sie hinter sich einen Schrei hörte. Erschrocken drehte sie sich um.

„Mutter“, schrie Hannelore, „ich hätte dich fast nicht erkannt. Um Gottes Willen, wie siehst du bloß aus?“

Oma Lotti drehte sich einmal langsam im Kreis, damit ihre Tochter genügend Zeit hatte ihr neues Outfit, das aus einer blauen Schlagjeans und einem blauen Sweatshirt bestand, auch genügend bewundern konnte und fragte dann honigsüß lächelnd: „Und, wie seh ich aus? Ist doch voll abgefahren, nicht?“

Hannelore zog pikiert ihre Augenbrauen in die Höhe und starrte ihre Mutter entgeistert an. „Du willst doch jetzt nicht etwa immer so rumlaufen? Und überhaupt, was hast du bloß mit deinen Haaren angestellt. Die sind ja ganz blau! Und….das, das ist doch nicht etwa ein….Nasenpiercing?“

„Das ist jetzt mega in“, klärte Oma Lotti ihre Tochter auf. „Und überhaupt, würde deinen Haaren ein moderner Schnitt und ein wenig Farbe auch nicht schaden. Schließlich bist du erst vierundfünfzig.“

„Sag mal, wie redest du eigentlich mit mir? Und was hast du bloß für grässliche Turnschuhe an. Kein Mensch in deinem Alter läuft noch in Turnschuhen rum.“

„Das sind echte Sneakers, voll cool, nicht?“ sagte Oma Lotti und stolzierte mit hocherhobenem Kopf an ihrer Tochter vorbei. „Du wirst dich schon noch daran gewöhnen, mein Kind.“ Mit diesen Worten ließ sie ihre Tochter endgültig stehen und ging in ihre Wohnung.

Nachdem Hannelore sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatte, ging sie ins Haus, schnappte sich das Telefon und ließ sich auf der Stelle mit Ihrem Mann verbinden. „Du kannst dir nicht vorstellen, was hier los ist“, schrie sie aufgebracht ins Telefon. „Meine Mutter ist komplett übergeschnappt!“

„Jetzt beruhige dich erst mal“, meinte Ferdinand, „und dann erzähl mal was eigentlich los ist.“

„Sie hat sich die Haare blau gefärbt, trägt neuerdings Jeans, Sweatshirt und Sneakers… und… ihre Sprache…! Und… das Schlimmste ist, du wirst mir das jetzt sicher nicht glauben, sie hat sich ein Nasenpiercing machen lassen“, schrie Hannelore völlig außer sich.

„Lass sie doch“, sagte Ferdinand lachend, „die kommt schon wieder von ihrem Trip herunter.“

„Ich möchte dich hören“, sagte Hannelore bissig, „wenn das deine Mutter wäre.“ Dann knallte sie den Hörer auf die Gabel, schnappte sich eine Zigarette und rauchte sie in langen tiefen Zügen. Das konnte doch alles einfach nicht wahr sein.

Doch es sollte noch dicker kommen. Einige Wochen später, als Hannelore abends von ihrer Arbeit im Krankenhaus nach Hause kam, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Auf dem Garagenvorplatz saß ihre Mutter auf dem Boden und hatte Inline Skates an den Füßen. Jenny stand neben ihr und versuchte ihr wieder auf die Beine zu helfen, was ihr eben in diesem Moment auch gelang. Ziemlich wackelig stand Oma Lotti da und hielt sich krampfhaft an Jenny fest.

„Seid ihr denn jetzt total verrückt geworden! Mutter, zieh sofort die Dinger aus, bevor du dir sämtliche Knochen brichst!“ schrie Hannelore entsetzt.

„Warum schreist du denn so?“ fragte Oma Lotti unschuldig lächelnd. „Es ist irre geil und macht voll Spaß. Ist auch gar nicht so schwer – nur das Bremsen ist ein Kapitel für sich. Aber das lerne ich auch noch. Außerdem brauchst du dich gar nicht aufzuregen, ich bin doch voll gut ausgerüstet.“ Sie deutete auf ihre Knie-, Ellenbogen- und Handgelenkschützer.

„Jenny, bitte sag Oma sie soll sofort die Dinger abmachen!“ schrie Hannelore jetzt leicht hysterisch.

„Jetzt sei nicht kindisch, Hannelore. Du solltest es lieber auch einmal versuchen, anstatt hier so herum zu kreischen. Was sollen denn die Nachbarn von dir denken?“

„Du, du fragst, was die Nachbarn denken sollen? Was sollen die von meiner Mutter denken?“ kreischte Hannelore empört und rauschte an Oma Lotti und Jenny vorbei ins Haus.

Jenny spitzte die Lippen, blies die Luft heraus und schüttelte die Hand. „Boey, jetzt ist sie aber ganz schön geladen.“ „Lass nur, die kriegt sich schon wieder ein. Hilf mir lieber die Dinger auszuziehen. Wir machen morgen wenn du aus der Schule kommst weiter.“

Nachdem es Jenny gelungen war die Oma von den Skates zu befreien, gingen die beiden wie zwei Freundinnen untergehakt ins Haus. Oma Lotti kochte einen frischen Kaffee und bat Jenny ihre Mutter zu holen.

Ein paar Minuten später kam Jenny alleine zurück. „Was ist los? Kommt Hannelore nicht?“ fragte Oma Lotti.

„Tut mir leid Omi, Mum sagt es ginge ihr nicht so gut. Sie hat Migräne und hat sich hingelegt.“

„Das ist aber schade. Na, was soll’s, dann trinken wir halt alleine den Kaffee und – schau mal, was ich gekauft habe.“ Sie ging zum Kühlschrank und holte vier Stücke Schwarzwälderkirschtorte heraus. „Heute dürfen wir das. Schließlich haben wir vorher beim Skaten ordentlich Kalorien verbraucht“, sagte sie verschmitzt und legte Jenny ein Stück auf den Teller. Ein zweites Stück legte sie auf ihren Teller. Genüsslich verspeisten sie die Torte und unterhielten sich dabei angeregt.

„Weißt du was, Omiliein, es ist voll geil so ne Oma wie dich zhu haben. Alle meine Freunde beneiden mich um dich. Ich glaub, du bist die coolste Oma der Welt.“

„Jetzt lass mal gut sein, Jenny. Du machst mich ja total verlegen.“ Oma Lotti stand auf und räumte den Tisch ab, anschließend holte sie eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank. „So, Jenny, jetzt haben wir aber noch etwas zu feiern“, sagte sie feierlich. „Gestern habe ich meine theoretische Fahrprüfung bestanden.“

„Wow, Oma Lotti! Das sagst du erst jetzt!“ Jenny beugte sich zu ihrer Großmutter und umarmte sie liebevoll.

„Wer von uns macht jetzt den Sekt auf?“ fragte Oma Lotti. „Ich trau mich nicht, der knallt immer so.“

„Vielleicht könnte ich ja behilflich sein“, bot Jennys Vater an, der unbemerkt ins Zimmer gekommen war. „Und vielleicht verratet ihr mir dann ja, was es denn zum feiern gibt.“

Erleichtert gab Oma Lotti die Flasche an ihren Schwiegersohn weiter und blinzelte dabei ihrer Enkelin verschwörerisch zu. „Was meinst du Jenny, sollten wir es ihm verraten?“

„Ich weiß nicht Omi, vielleicht flippt er dann auch so aus wie Mum in letzter Zeit immer.“

Ferdinand schaute die beiden empört an. „Was denkt ihr denn von mir. Ich bin doch auf eurer Seite“, sagte er schmeichelnd, während er mit der einen Hand den Draht der Flasche aufdrehte und mit der anderen den Korken festhielt. „Wenn ich ganz ehrlich sein soll, gefällt mir meine neue Schwiegermutter eigentlich ganz gut. Manches ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, zum Beispiel deine blauen Haare, das Nasenpiercing und die Schlagjeans, aber sonst ist es eigentlich ganz okay“, sagte er schmunzelnd.

„Na da bin ich ja beruhigt“, sagte Oma Lotti trocken. Danke Schwiegersohn.“

Sie umarmte ihn und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Genau in diesem Augenblick schoss der Korken mit einem lauten Knall aus der Flasche, direkt an die Deckenlampe, was einen Splitterregen zur Folge hatte.

Zerknirscht sah Ferdinand seine Schwiegermutter an. „Tut mir schrecklich leid, aber du hast mich abgelenkt.“

Oma Lotti stand da und krümmte sich vor Lachen. „Endlich ist das scheußliche Ding kaputt. Ich wollte schon lange eine neue Lampe – außerdem, Scherben bringen doch Glück.“

Nachdem Jenny die Scherben aufgekehrt hatte, schenkte Ferdinand den Sekt ein. Sie hoben die Gläser und stießen miteinander an.

„Zum Teufel noch mal, worauf stoßen wir denn eigentlich nun an?“

Jenny sah zu Oma Lotti und die nickte ihr zustimmend zu.

„Omi hat die theoretische Fahrprüfung bestanden“, sagte Jenny mit stolzgeschwellter Brust.

„Wie bitte?“, frage Ferdinand erstaunt. „Habe ich das richtig verstanden? Du machst mit deinen 75 Jahren noch den Führerschein?“

„Zweiundsiebzig.“

„Was?“

„Ich bin erst zweiundsiebzig Jahre jung.“

„Ach ja, entschuldige. Du hast tatsächlich den Führerschein gemacht?“ Ferdinand konnte nicht fassen, was er da hörte.

„Natürlich! Aber ich habe erst die Theorie geschafft. Den schwierigsten Teil  habe ich noch vor mir und davor habe ich schon ziemlich Angst, wenn ich ehrlich sein soll“, bekannte Oma Lotti freimütig.

„Ach Omilein, ich bin mir sicher, das wirst du auch noch schaffen“, sagte Jenny mit voller Überzeugung.

„Hoffentlich“, lachte Oma Lotti, „na denn – Prost ihr beiden. Auf, dass alles gut geht, vor allem ohne größere Blechschäden.“

„Wartet mal einen Moment“, sagte sie und rannte leichtfüßig aus der Küche. Ein paar Augenblicke später kam sie zurück und legte das Prospekt eines BMW-Händlers auf den Küchentisch. Sie blätterte hektisch darin herum und schließlich deutete sie mit ihrem Finger auf ein Auto. „Das ist es!“, sagte sie dann.

Ferdinand und Jenny, die sich beide über das Prospekt gebeugt hatten, schauten gleichzeitig auf und schlugen dabei ihre Köpfe aneinander.

„Au“, schrie Jenny.

„Was?“, fragte Ferdinand und rieb sich mit der Hand die Stirn.

„Das zukünftige Auto deiner Schwiegermama.“

„Das ist jetzt aber nicht dein Ernst?“, sagte Ferdinand entgeistert.

„Natürlich! Warum denn nicht?“

„Weil der BMW Z3 ein Sportwagen ist“, erklärte Ferdinand gönnerhaft.

„Ja.“

„Was ja?“

„Das heißt ja, ich weiß dass das ein Sportwagen ist“, antwortete Oma Lotti trocken. „Ich bin doch nicht verkalkt. Schließlich habe ich mich ja informiert.“

„Aber du kannst doch nicht als Führerscheinneuling, noch dazu mit fünfundsiebzig Jahren, einen Sportwagen kaufen“, erregte sich Ferdinand.

„Zweiundsiebzig.“

„Was?“

„Ich bin zweiundsiebzig!“

„Also, ich find das…. das…. einfach genial“, meldete sich da Jenny zu Wort. „Darf ich dann auch mal damit fahren?“

„Na klar“, sagte Oma Lotti.

„Also Schwiegermama, das geht nun wirklich zu weit“, sagte Ferdinand nun leicht ärgerlich. „Ein Sportwagen ist kein Spielzeug.“

Oma Lotti tätschelte zärtlich die Wange ihres Schwiegersohnes. „Du brauchst wirklich keine Angst zu haben. Zweihundert fahre ich erst, wenn ich schon in Übung bin.“  Schelmisch zwinkerte sie Jenny zu.

„Wie soll ich das bloß Hannelore beibringen?“ , murmelte Ferdinand und stand auf.

Ein paar Tage später verließ Oma Lotti das Haus und wurde an der Haustüre von ihrer Tochter gestoppt. „Mutter!“, sagte Hannelore in vorwurfsvollem Ton, den sie sich in letzter Zeit angewöhnt hatte. „Wo um Himmels Willen gehst du in diesem Aufzug hin?“ Sie musterte ihre Mutter von oben bis unten.

„Ins Fitnessstudio natürlich. Sieht man das nicht?“, fragte Oma Lotti fröhlich. Sie trug eine schwarzweiß gestreifte Leggins und ein grellrotes T-Shirt. „Wie wär’s, hättest du nicht auch Lust?“, bot sie freundlich lächelnd an, „es würde dir bestimmt auch nicht schaden“, fügte sie hinzu und ließ ihren Blick vielsagend über die nicht gerade kleinen Rundungen Ihrer Tochter wandern.

„Das….das… das ist doch einfach das Letzte“, schrie Hannelore da weinerlich.

„Warum?“ warf Oma Lotti unschuldig ein.

Hannelore warf ihrer Mutter einen „wenn Blicke töten könnten“ Blick zu und rauschte wütend davon.

Lächelnd setzte Oma Lotti ihren Weg fort. Sie tänzelte die Straße hinab, als wäre sie Claudia Schiffer und bewegte sich auf einem Laufsteg. Vor dem Fitnessstudio wartete bereits Jenny.

„Hi“, sagte Jenny und streckte ihr die Hand entgegen, „give me five.“

Oma Lotti schlug ein. „Na denn, dann woll’n wir mal.“

Zwei Stunden später und um etliche Liter Schweiß leichter, verließen die beiden das Studio.

„Was wollen wir zwei denn nun anstellen“, fragte Jenny unternehmungslustig.

„Jetzt, gehen wir einen Computer kaufen.“

Jenny warf Oma Lotti einen verständnislosen Blick zu. „Was willst du denn damit? Du kennst dich doch damit überhaupt nicht aus.“

„Ins Intelnet.“

„Was soll das sein?“, fragte Jenny.

„Du kennst das Intelnet nicht? Das glaub ich aber nicht“, sagte Oma Lotte, „du weißt doch, das, wo der Boris immer Werbung macht. Da wo er immer sagt: Ich bin drin.“

„Ach so, das“, sagte Jenny krampfhaft bemüht sich das Lachen zu verkneifen. „Also gut, komm Omi. Ich hab einen prima Kumpel, ein richtiger Freak, der arbeitet in so einem Computerladen. Ist gar nicht weit von hier.“

„Was ist der?“ fragte Oma Lotti irritiert.

„Ein Freak“, wiederholte Jenny, „das ist einer, der ganz verrückt nach Computern ist“, klärte Jenny ihre Oma auf.

„Oh, super, meinst du, er könnte mir auch beibringen, wie man mit diesen Dingern umgeht?“

Nachdem Jennys Freund den Computer mit Zubehör fertig installiert hatte, brachte er Oma Lotti mit einer wahren Engelsgeduld bei, was sie wissen musste. Jenny, die immer dabei saß, wunderte sich jedes Mal, wie begeistert die beiden bei der Sache waren.

In der nächsten Zeit saßen Jenny und Oma Lotti Abend für Abend vor dem Computer und surften im Internet. Jennys Freund hatte ihnen auch gezeigt, wie man sich im Chat mit anderen  unterhalten konnte. Das gefiel Oma Lotti am besten und Jenny fand es besonders witzig, wenn Oma Lotti auf Teufel komm raus mit Männern flirtete. Oma Lotti flunkerte den Männern das Blau vom Himmel. Einmal nannte sie sich blonder Engel, war langbeinig, blutjung, der Traum aller Männer. Ein anderes Mal war sie die geheimnisvolle Black Lady, mit langen schwarzen Locken. Einmal versuchte doch tatsächlich so ein lüsterner Jüngling sich mit Oma Lotti zu verabreden.

Die Wochen vergingen und Oma Lotti hatte große Fortschritte beim Autofahren gemacht. Heute nun sollte die Prüfung sein und sie war entsetzlich aufgeregt. „Oh, mein Gott“, seufzte sie ein ums andere Mal, „warum habe ich mir das bloß angetan. Das schaff ich nie!“

Jenny versuchte ihre Oma so gut es ging zu beruhigen. „Omi, das wär doch gelacht, wenn du das nicht locker packst.“

„Na gut, dann lass uns mal gehen und es hinter uns bringen“, sagte Oma Lotti energisch. Sie schnappte ihren Rucksack und setzte ihre Brille auf.

Genau eine Stunde später war Oma Lotti dann im Besitz ihres so heißersehnten Führerseins. Sie nahm Jennys Hände und tanzte vor Freude mit ihr auf der Straße herum. Aus ihren Augen liefen Tränen. „Jetzt darf ich wirklich Auto fahren“, schniefte sie überglücklich. „Komm Jenny, jetzt rufen wir uns ein Taxi, fahren zum Händler und holen mein neues Auto ab. Es ist einfach gigantisch, fantastisch, bombastisch, riesig….“

Der Autoverkäufer führte Oma Lotti und Jenny in den Hof, wo sie dann endlich den königsblauen BMW Z3 in Empfang nehmen konnten. Ehrfürchtig, in die Betrachtung des Autos gefangen standen beide davor.

„Ich hätte niemals gedacht, dass ich auf meine alten Tage noch einmal Auto fahren würde und schon gar nicht so ein wunderschönes Auto“, flüsterte Oma Lotti andächtig.

„Frau Pfeifer, darf ich Ihnen nun die Schlüssel  überreichen und allzeit gute Fahrt wünschen“, sagte der Autoverkäufer. Doch Oma Lotti reagierte erst, als er ihr die Hand auf die Schulter legte.

„Was haben  Sie gerade gesagt?“, fragte sie abwesend.

„Ich wollte Ihnen nur die Schlüssel geben und allzeit gute Fahrt wünschen“, wiederholte der Mann geduldig und ihm war anzusehen, dass auch er seine helle Freude an der Begeisterung der beiden so  ungleichen Damen hatte.

„Äh,…. Danke“, stotterte Oma Lotti  noch immer von der Freude überwältigt. „Na, dann geben Sie schon her, damit wir ihn endlich ausprobieren können.“ Sie wandte sich an Jenny. „Komm, steig ein.“ Schwungvoll öffnete sie die Fahrertüre, stieg ein, drehte den Zündschlüssel um und brauste mit quietschenden Reifen vom Hof.

„Bitte fahren Sie vorsichtig und…“, rief der Autohändler, doch das hörte Oma Lotti schon nicht mehr.

Jenny saß, angesichts des Tempos das Oma Lotti an den Tag legte, ziemlich verkrampft im Auto. Mit einer Hand hielt sie sich am Türgriff fest und mit einem Fuß versuchte sie zu bremsen.

„Oma Lotti, vielleicht solltest du es am Anfang etwas langsamer angehen lassen“, meldete sich Jenny vorsichtig zu Wort.

„Warum? Hast du etwa Angst?“, fragte sie lachend. „Klappt doch viel besser, als ich gedacht hätte.“ Sie schaute Jenny spitzbübisch an: „Ich bin ja schon so gespannt, was Hannelore zu meinem neuen Auto sagt.“

Nachdem Oma Lotti das heimische Viertel so an die zwanzig Mal umkreist hatte, hielt sie endlich mit quietschenden Reifen vor dem Haus , drückte mehrmals kräftig auf die Hupe. In dem Moment, als  Hannelore durch das Hupen aufgeschreckt aus der Haustüre trat, öffnete sie langsam die Autotür und versuchte möglichst elegant und würdevoll aus dem Auto zu steigen. Was allerdings bei den niedrigen Sitzen nicht so einfach war.

Hannelore kam mit wehenden Haaren und tomatenrotem Gesicht angerannt. Sie stellte sich ganz nah vor Oma Lotti und reckte sich zu ihrer vollen Größe, womit sie Oma Lotti allerdings nur um  ganze zwei Zentimeter überragte.

„Kannst du mir bitte einmal erklären, was das soll, Mutter?“ sagte sie mühsam beherrscht. Ihren Augen sah man allerdings an, dass sie gleich einem Vulkan kurz vor dem Ausbruch stand.

„Was soll ich dir erklären?“, fragte Oma Lotti unschuldig, „meinst du das Auto?“

„Hast du das Auto für Jenny gekauft?“

„Wieso Jenny? Nein, das Auto gehört mir“, sagte sie stolz.

„Mutter, was willst du verdammt noch mal mit einem Sportwagen? Du kannst doch nicht einmal Auto fahren.“

„So, glaubst du?“ Oma Lotti öffnete das Handschuhfach, nahm ihren nagelneuen Führerschein heraus und wedelte ihrer Tochter damit vor dem Gesicht herum. „Was ist dann das?“

Hannelores eben noch hochrotes Gesicht wurde schlagartig kalkweiß. „Das… das glaub ich…nein…ich..“, stammelte sie entsetzt und drehte sich auf dem Absatz um und ging ins Haus zurück. Dabei murmelte sie: „Ich muss das ganz sicher träumen. Gleich wache ich auf und alles war nur ein böser Traum.“

Jenny, die ihrer Mutter gefolgt war, legte den Arm um ihre Schultern. „Komm, Mum, jetzt lass ihr doch die Freude. Freu dich lieber, dass Omi in ihrem Alter noch so aktiv ist. Wo steht denn geschrieben, dass ein Mensch in ihrem Alter nicht noch Spaß haben darf.“

„Warum habt ihr euch plötzlich alle gegen mich verschworen“, schluchzte Hannelore.

„Keiner hat sich gegen dich verschworen. Wir finden Oma Lotti einfach nur toll. Alle meine Freunde beneiden mich um sie. Keiner hat so ne Oma. Sie ist ein absolutes Einzelstück.“

„Und was ist jetzt mit unserem Haus?“, frage Jennys Mutter vorwurfsvoll.

„Was soll damit sein Mum? Es ist doch gut , so wie es ist“, tröstete Jenny. Sie führte ihre Mutter ins Wohnzimmer. „Soll ich dir einen Kaffee machen?“

Hannelore nickte stumm.

Oma Lotti streckte zaghaft ihren Kopf zur Türe herein. „Da hab ich dir wohl ein bisschen viel zugemutet in der letzten Zeit Hannelore“, sagte sie schuldbewusst.

Hannelore nickte. „Kann man wohl sagen.“

„Ich hatte einfach Nachholbedarf. Früher da…“

„Ich weiß Mutter. Ich habe es schon verstanden“, sagte Hannelore leise und lächelte. „Außerdem, Jenny hat recht, unser Haus ist gut wie es ist.“

„Aber Hanne, ich habe doch nicht vor alles Geld für mich alleine auszugeben. Es ist immer noch genug da, um jedem von euch einen großen Wunsch zu erfüllen.“

Plötzlich schlug die Türglocke an……

Oma Lotti schreckte hoch, blinzelte ein paar Mal und schaute sich dann verwirrt um. Es klingelte immer noch. Sie stand von ihrem großen Ohrensessel auf. In dem Moment flatterte etwas zu Boden. Oma Lotte hob es auf, gähnte herzhaft und rieb sich die Augen, während sie zur Tür schlurfte und öffnete. Vor der Türe stand Jenny, ihre Enkelin.

„Hi Omi, hast du etwa geschlafen? Habe ich dich aufgeweckt?“, fragte Jenny besorgt.

Statt einer Antwort schaute Oma Lotti das Blatt Papier an, das sie immer noch in der Hand hielt. Es war ein Schreiben von einer Lotteriegesellschaft, bei der Oma Lotti schon viele Jahre einige Lose besaß. Darin stand:

Sehr geehrte Frau Pfeiffer, wir gratulieren Ihnen ganz herzlich zu Ihrem Gewinn von 250,00 Euro. Das Geld werden wir Ihrem Konto gutschreiben.

Langsam begriff Oma Lotti, das alles was sie gerade erlebt hatte, nur ein wunderbarer Traum gewesen war.

Na ja, dachte Oma Lotti wehmütig, für ein schönes Abendessen im Kreise meiner Familie langt es allemal.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: