Marian, der kleine Engel

Cherub playing a LyraEine Geschichte für Kinder und Eltern

Marian, der kleine Engel

Kapitel 1

„Autsch! Oh weh! Oh…, oh…! Au!“ Der kleine Engel Marian lag in einem tiefen Schneehaufen, in den er geradewegs vom Himmel gefallen war.

Marian, der erst kurze Zeit ein Engel war, hatte seine Flügel noch nicht richtig unter Kontrolle. Das Fliegen war gar nicht so einfach – eigentlich war es sogar ziemlich schwierig. Man musste beide Flügel genau gleich bewegen, damit man nicht das Gleichgewicht verlor. Auch durfte man nicht zu wild mit ihnen schlagen, natürlich auch nicht zu wenig, weil man sonst, wie es Marian passiert war, abstürzte.

Doch, das Zuviel oder Zuwenig war nicht das einzige Problem das Marian hatte. Nein, auch sein Heiligenschein rutschte ihm immer wieder über die Augen, so dass er nichts mehr sehen konnte. Während er versucht hatte ihn wieder richtig aufzusetzen, konnte er natürlich nicht richtig auf seine Flügel achten – und schon war es passiert.

Vorsichtig betastete Marian seinen Körper und stellte zu seiner Erleichterung fest, dass alles in Ordnung war. Der Schnee hatte ihn weich aufgefangen. Als er aber versuchte seine Flügel zu bewegen, schrie er vor Schmerz laut auf.

Die Flügel taten im ziemlich weh. Marian erschrak fürchterlich. Wie um Himmels Willen sollte er denn nun jetzt wieder in den Himmel kommen? Hilflos lag er in dem hohen Schneehaufen und versuchte immer wieder, ob er nicht doch fliegen konnte. Doch bei jeder Bewegung seiner Flügel schrie er wieder vor Schmerz auf. Schließlich gab er es auf und begann bitterlich zu weinen. Erst leise, dann immer lauter.

Mittlerweile war die Dämmerung hereingebrochen und am Himmel leuchteten die ersten Sterne. Auch der Mond stieg höher und es wurde immer kälter. Marian war schon ganz steif gefroren. Es hatte wieder zu schneien begonnen und dicke, weiße Schneeflocken fielen vom Himmel und drohten Marian völlig einzuschneien. Sein blonder Lockenkopf war schon ganz weiß, sein dünnes weißes Kleidchen nass und seine nackten Füße waren blau gefroren.

„Tschüss Omi“, sagte Katharina fröhlich, „und grüß mir den Opa schön!“

„Komm, Kind, ich begleite dich ein Stück. Es ist ja schon fast ganz dunkel“, meinte Katharinas Oma besorgt.

„Aber Omi, ich bin doch kein Baby mehr. Ich bin doch schon elf Jahre alt. Außerdem ist es doch nicht weit“, sagte Katharina selbstbewusst und machte sich auf den Heimweg.

Fröhlich hüpfte sie durch den weichen Schnee. „Juchhuuu, bald ist Weihnachten“, sang sie vor sich hin. Sie freute sich schon riesig. Noch eine Woche und dann war es endlich soweit. Heute war Freitag und nach dem Wochenende musste sie nur noch vier Tage in die Schule und dann hatte sie endlich Ferien.

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Katharina hob ihr Gesicht den Schneeflocken entgegen und freute sich, wenn die dicken Flocken sie im Gesicht kitzelten. Wie schön jetzt alles war. Die Häuser sahen aus, als ob sie dick mit Puderzucker bestreut waren und sogar die sonst kahlen, dunklen Bäume glitzerten mit den Sternen um die Wette.

Hinter vielen Fenstern waren Figuren aus vielen kleinen Lämpchen. Da gab es Rentiere, Schweifsterne, Tannenbäume, Nikoläuse und noch vieles mehr. Katharina konnte sich gar nicht daran sattsehen. Am Schönsten aber war der riesengroße Tannenbaum, der auf dem Rathausplatz aufgestellt war. Er war mit unzähligen Kerzen und Kugeln geschmückt. Katharina blieb eine ganze Weile vor ihm stehen und schaut ihn andächtig an. Es war alles wie in einem Wintermärchen.

Irgendwann begann sie aber zu frieren und ging weiter. Als sie nur noch ein paar Meter von ihrem Haus entfernt war, hörte sie plötzlich ein leises Wimmern. Katharina blieb stehen und schaute sich suchend um, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen. Sie zuckte die Schultern und ging weiter.  Doch sie war kaum ein paar Schritte gelaufen, da hörte sie es wieder. Diesmal viel lauter und deutlicher. Sie blieb wieder stehen und versuchte mit ihren Augen die Dunkelheit zu durchdringen. Sie konnte aber auch diesmal nichts entdecken.

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„Das gibt’s doch nicht“, murmelte sie in ihren dicken Schal. Vielleicht ist es ja ein kleines Kätzchen, dachte Sie und rief leise: „Hallo, Miez, Miez, wo bist du?“ Sie versuchte das Kätzchen anzulocken. Vielleicht hatte es ja seine Mutter verloren und brauchte Hilfe.

„Hier! Hier bin ich! Hilfe!“, hörte sie da eine zarte, helle Stimme rufen.

„Hallo! Wer ist da? Ich kann nichts sehen“, rief Katharina aufgeregt und drehte sich suchend im Kreis.

„Hier bin ich, direkt neben dir. In dem Schneehaufen“, antwortete die Stimme. „Bitte, hilf mir doch!“

Katharina beugte sich über den Schneehaufen und glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie die kleine Gestalt im Schnee liegen sah. „Was machst du denn da?“, fragte sie überrascht.

„Ich bin vom Himmel gefallen“, erklärte Marian. „Ich habe mir meine Flügel verletzt und kann nicht mehr fliegen.“

„Vom Himmel gefallen“, wiederholte Katharina  ungläubig. „Du meinst, du bist ein Engel?“

„Was denn sonst!“, sagte Marian ungeduldig. „Siehst du denn nicht meine Flügel?“

Katharina beugte sich noch weiter herunter und dann sah sie an der Seite einen kleinen Flügel hervorschauen. „Das glaub ich jetzt aber nicht“, rief sie überrascht. „Engel liegen doch nicht auf der Straße in einem Schneehaufen. Die sind doch im Himmel.“

„Nicht , wenn sie heruntergefallen sind“, sagte Marian trocken. „Jetzt steh doch nicht so blöd rum! Hilf mir lieber, bevor ich ganz erfroren bin“, fuhr er sie ungeduldig an. „Aber gib acht auf meine Flügel, die tun ziemlich weh“, fügte er hinzu.

Katharina packte Marian an seinen Händen und zog.

„Au, bist du verrückt!“, schrie Marian da auf.

Erschrocken ließ Katharina ihn wieder los und Marian plumpste unsanft zurück in den Schnee, was einen erneuten Schmerzensschrei auslöste. Katharina fasste noch einmal zu und zog, aber diesmal ganz langsam und vorsichtig. Endlich war es geschafft und Marian stand auf seinen stämmigen Beinchen. Er zitterte wie Espenlaub.

„Mensch“, entfuhr es Katharina, „du hast ja gar keine Schuhe an und einen Mantel hast du auch nicht.“

„Engel tragen normalerweise keine Schuhe und Mäntel“, erklärte Marian und zitterte noch mehr. Schnell zog Katharina ihre Jacke und ihren Schal aus und wollte beides dem kleinen Engel über die Schulter hängen, was allerdings wegen der Flügel nicht gelang.

Marian versuchte vorsichtig seine Flügel zusammenzufalten, schaffte es aber nicht alleine. „Komm, hilf mir“, sagte er zu Katharina. „Aber bitte ganz vorsichtig“, fügte er ängstlich hinzu.

Endlich war es geschafft und Katharina konnte ihm nun den Mantel und den Schal überhängen.

„Besser so?“, frage sie. „Sag, hast du denn einen Namen kleiner Engel?“

„Dumme Frage! Natürlich habe ich einen Namen. Ich heiße Marian – genauer gesagt, Marian der Erste.“

„Den Namen hab ich noch nie gehört, klingt aber hübsch. Willst du nicht mit mir nach Hause gehen, Marian?  In den Himmel zurückfliegen kannst du ja nicht?“

Katharina nahm Marians Hand und zog ihn einfach mit sich. „Meine Eltern werden aber Augen machen, wenn ich ein paar Tage vor Weihnachten mit einem echten Engel nach Hause komme.“ Sie lachte.

„Da muss ich dich jetzt aber enttäuschen“, sagte Marian. „Es kann mich außer dir niemand sehen. Du siehst mich auch bloß, weil ich deine Hilfe brauche und du mir auch geholfen hast.“

„Ist ja cool“, freute sich Katharina. „Dann habe ich ja jetzt einen Freund für mich ganz alleine.“

Sie waren zu Hause angekommen und Katharina drückte auf die Klingel. Ihre Mutter öffnete und Katharina zog Marian mit in den Hausflur.

„Zieh bitte gleich deine nassen Schuhe aus. Dann wasch dir die Hände und komm zum Abendessen“, sagte ihre Mutter und verschwand wieder in der Küche. Gleich darauf streckte sie den Kopf wieder zur Türe heraus. „Sag mal Kathi, hattest du keinen Mantel und keinen Schal an?“, fragte sie aufgebracht.

Katharina schaute sie unschuldig an. „Natürlich hatte ich Mantel und Schal an.“ Sie hängte beides demonstrativ ordentlich an die Garderobe. Kopfschüttelnd verschwand ihre Mutter wieder in der Küche. „Und ich war mir ganz sicher, dass sie keinen….“, hörte man sie murmeln.

Katharina kicherte. „Ist ja echt cool. Solange du meinen Mantel und meinen Schal anhattest, konnte Mama beides auch nicht sehen.“ Sie nahm Marians Hand und zog ihn eilig zur Treppe. „Schnell, komm mit. Ich bring dich in mein Zimmer. Dort kannst du dich abtrocknen und dich dann in mein Bett unter die warme Decke legen.“

„Kathi, mit wem redest du da eigentlich“, rief ihre Mutter aus der Küche.

Katharina hielt es für klüger darauf nicht zu antworten und rannte jetzt schnell mit Marian die Treppe hinauf und hinein in ihr Zimmer. „Wart mal“, sagte sie, „ich geh schnell ins Bad und hol dir ein Handtuch.“

Gleich darauf kam sie wieder zurück und hielt ein großes Badetuch in ihren Händen. Damit rubbelte sie den kleinen Engel vorsichtig trocken, nachdem sie ihm aus seinem nassen Kleidchen geholfen hatte und es zum Trocknen über die Heizung gehängt hatte. Sie öffnete ihren Schrank und gab Marian einen Schlafanzug von sich. „Zieh den an, damit du dich nicht erkältest.“

„Kathi, komm endlich zum Abendessen“, rief ihre Mutter von unten.

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„Ich komme sofort! Ich geh nur noch schnell aufs Klo“, antwortete Kathi und half Marian sich in ihr Bett zu legen. Das war allerdings gar nicht so einfach. Seine Flügel taten ihm so weh und er konnte nur auf dem Bauch liegen. Kathi deckte ihn liebevoll zu und stopfte die Decke von allen Seiten gut fest.

„Ist dir schon wärmer, Marian?“, fragte sie besorgt.

„Göttlich, einfach göttlich“, seufzte Marian und gähnte ausgiebig. „Ich bin sooooo müde.“Er schloss seine Augen.

Katharina rannte aus dem Zimmer, drehte sich aber noch einmal um. „Marian, hast du Hunger? Soll ich dir was mitbringen?“

„Oh, ja, bitte bring ganz viel Manna und Honigblütennektar. Ich sterbe vor Hunger.“

Katharina sah ihn verständnislos an. „Was soll ich bringen?“

„Manna und Honigblütennektar“, wiederholte Marian geduldig.

„Aber…, aber so was gibt’s bei uns nicht“, stotterte Katharina verlegen.

„Marian setzte sich auf. „Wie, das gibt es bei euch nicht?“, fragte er erstaunt.

„Bei uns gibt es bloß Brot, Wurst und Käse oder Nutella oder Honig und Apfel- oder Orangensaft“, erklärte ihm Katharina.

„Was ist das denn? Kann man das essen?“

„Ja, und es schmeckt wirklich prima. Weißt du was? Ich bring dir einfach mal von allem etwas und dann probierst du, ob es dir schmeckt.“

„Okay.“ Marian legte sich vorsichtig wieder hin.

Kapitel 2

Katharina macht nun, dass sie endlich in die Küche kam. Es war eine große, gemütliche Wohnküche. Vorne waren auf jeder Seite Schränke und hinten stand eine große Eckbank. Alles aus rustikalem Holz. Katharinas Eltern hatten bereits mit dem Abendessen begonnen.

„Wo warst du bloß solange?“, fragte ihre Mutter vorwurfsvoll.

„Tut mir leid, Mama, dass ich so getrödelt habe“, sage Kathi und machte ein schuldbewusstes Gesicht. „Ich soll euch viele Grüße von Omi sagen.“

Katharina merkte erst jetzt, wie hungrig sie war und schnappte sich gleich zwei Brote auf einmal, strich auf beide Frischkäse und belegte sie mit Wurst. Herzhaft biss sie hinein.

„Soll ich dir eine Tomate und eine Gurke schneiden?“, bot ihre Mutter an.

Kathi nickte mit vollen Backen. Sie hatte kaum den Mund leer, da biss sie schon wieder ein großes Stück vom Brot ab.

„Jetzt schling doch nicht so“, sagte Ihre Mutter, „du hast doch Zeit.“

Wenn die wüsste, dachte Kathi und bemühte sich jetzt etwas langsamer zu essen. Aber sie konnte es kaum erwarten wieder zu ihrem neuen Freund zu kommen. Außerdem hatte Marian ja auch Hunger und sie wollte ihn nicht solange warten lassen.

Als sie schließlich alle fertig waren mit essen, bot Katharina freiwillig an den Tisch abzuräumen. Ihre Mutter glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Katharina, die sich sonst mit allen möglichen und unmöglichen Ausreden vor der Hausarbeit drückte, meist mit Erfolg, wollte freiwillig helfen. Da stimmte doch etwas ganz und gar nicht.

„Sag schon, was du angestellt hast oder willst du etwas?“, fragte ihre Mutter misstrauisch.

„Was du schon wieder denkst“, rief Katharina gespielt empört. „Es ist einfach…, ich meine…, ach, weißt du, du tust mir einfach leid, weil du doch immer so viel arbeiten musst“, stotterte Katharina verlegen, „und da habe ich…, naja, da habe ich halt beschlossen dir in Zukunft mehr zu helfen.“

„Ein lobenswerter Entschluss, Kathi“, sagte ihr Vater, schnappte sich die Zeitung und verzog sich ins Wohnzimmer.

„Na los, Mama! Geh du ruhig auch. Kannst ja Fernsehen.“ Mit diesen Worten schob Katharina Ihre Mutter sanft zur Tür.

„Bist du sicher, dass…?“

„Ja, Mama. Nun geh endlich. Und zwar bevor ich es mir doch anders überlege.“

Kopfschüttelnd und noch immer zweifelnd verließ nun auch ihre Mutter die Küche. Katharina atmete auf. Schnell richtete sie ein paar belegte Brote, dazu eine Tomate und ein Stück Gurke. Zuletzt stellte sich alles auf ein Tablett und schob es vorsichtig unter die Eckbank. Anschließend räumte sie die Küche auf und vergewisserte sich zum Schluss, ob sie auch nichts vergessen hatte.

Vorsichtig öffnete Kathi  dann die Küchentür und spähte in den Flur hinaus. Da die Luft rein war, holte sie rasch das Tablett und balancierte es so schnell sie konnte die Treppen hinauf in ihr Zimmer. Aufatmend stellte sie das Tablett auf ihren Schreibtisch und verschloss dann ihre Zimmertüre.

Leise ging Katharina zu ihrem Bett. Marian schlief tief und fest. Sie tippte ihn vorsichtig an, doch er rührte sich nicht. „Marian! Wach auf! Ich hab dir was zum Essen gebracht.“ Sie schüttelte ihn leicht und endlich öffnete er seine Augen.

„Wo…, wo bin ich?“, fragte er verschlafen, setzte sich auf und schaute sich verwirrt um. „Wo ist meine Wolke?“

„Du bist doch vom Himmel gefallen“, sagte Kathi, „erinnerst du dich nicht mehr?“

„Ach ja“, seufzte Marian, als er sich an sein Missgeschick erinnerte. Nun spürte er auch den Schmerz in seinen kleinen Flügeln.

„Schau, ich hab dir was mitgebracht“, sagte Kathi und hielt ihm das Tablett unter die Nase.

Misstrauisch beäugte Marian das Sammelsurium auf dem Tablett. „Sieht ja eigenartig aus, das Zeug. Und du bist sicher, dass man das auch essen kann?“

„Mensch, jetzt zier dich nicht so! Probier doch einfach mal.“

Immer noch skeptisch nahm Marian ein belegtes Brot und roch erst einmal ausgiebig daran, bevor er vorsichtig ein kleines Stückchen abbiss. „Hm, schmeckt nicht schlecht. Was ist das denn für ein roter Ball?“, fragte Marian und nahm ihn in die Hand.

„Ball?“ Katharina musste lachen. „Das ist eine Tomate und das Grüne da, das ist eine Gurke. Beiß doch einfach mal rein.“

Und Marian biss hinein und zwar so, dass das Innere der Tomate nach allen Richtungen spritzte. „Huch“, sagte er, „das ist ja witzig.“

„Mensch, pass doch auf! Du machst alles schmutzig. Du musst langsam zubeißen“, sagte Kathi und nahm schnell ein Papiertaschentuch und putzte die Tomatenspritzer auf. „Der Schlafanzug hat auch was abgekriegt. Jetzt schau ich mal, ob ich was Anderes für dich zum Anziehen habe. Außerdem brauchst du auch noch Strümpfe und Schuhe.“

Maria, der in der Zwischenzeit alles Ratzebutz aufgegessen hatte, schaute entsetzt die roten Flecken auf seinem Schlafanzug an. „Oje, oje“, jammerte er.

„Half so schlimm“, beruhigte ihn Katharina, „meine Mutter wird es wieder waschen.“

Plötzlich drückte jemand die Türklinke herunter. „Kathi, warum schließt du dich ein“, fragte ihre Mutter und klopfte gegen die Türe. „Mach sofort auf!“

„Du jetzt dich jetzt auf das Bett und verhältst dich ganz ruhig“, flüsterte Kathi, schob rasch das Tablett unter ihr Bett und ging zur Tür. Sie drehte den Schlüssel und öffnete.

„Also Kathi“, sagte ihre Mutter mit strenger Miene, „warum schließt du dein Zimmer ab?“

„Aber Mama, das kannst du dir doch denken!“ Katharina lachte. „Schon vergessen – bald ist Weihnachten und da hat man sogar vor seinen Eltern Geheimnisse.

„Oh“, sagte ihre Mutter entschuldigend, „da habe ich jetzt wohl sehr gestört?“ Sie schaute sich neugierig um und setzte sich dann auf Kathis Bett.

„Au!“ Sie hatte sich nichtsahnend auf Marians Hand gesetzt, der sie nicht mehr rechtzeitig weggezogen hatte.

„Was hast du?“, fragte Kathis Mutter überrascht.

„Was soll ich denn haben?“, tat Katharina unschuldig. Natürlich hatte auch sie Marians Schmerzensschrei gehört.

„Warum hast du ‚Au‘ gesagt?“

„Ich habe doch gar nicht ‚Au‘ gesagt“, sagte Katharina und wurde rot. Bloß gut, dass es nicht so arg hell ist in meinem Zimmer, dachte sie.

„Doch, ich habe es ganz deutlich gehört“, beharrte ihre Mutter.

„Aber Mama, wenn ich ‚Au‘ gesagt hätte, dann wüsste ich das. Ganz sicher“, sagte Katharina.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Na, dann nicht.“ Sie stand auf, strich sich den Rock glatt und ging zur Türe. „Dann werde ich dich mal wieder allein lassen mit deinen kleinen Geheimnissen“, sagte sie und verließ das Zimmer.

„Puh, das war knapp“, sagte Katharina und blies Luft aus ihren Backen. „Sag mal, Marian, kannst du mir nicht verraten, wie man das macht? Ich meine sich unsichtbar zu machen?“

„Nein, tut mir leid. Das können nur Engel“, sagte Marian stolz.

„Schade“, meinte Kathi, „das hätte einen Riesenspaß gegeben. Ich meine, in der Schule. In einem Moment wär‘ ich da, im anderen weg.“ Sie kicherte.

„Ja“, sagte Marian, „ das kann ich mir schon vorstellen.“ Er gähnte herzhaft. „Ich bin so müde.“

„Okay, dann lass uns schlafen gehen“, sagte Katharina.

„Wo soll ich denn schlafen?“ fragte Marian.

„Natürlich in meinem Bett.“

„Und du?“

„Ach, jetzt komm. Wir passen da schon beide rein. Es ist doch wirklich breit genug“, lachte Katharina auf. „Ich geh noch schnell ins Bad.“

„Bad?“, wunderte sich Marian. „Was ist das?“

„Du weißt nicht was ein Bad ist?“, fragte Kathi überrascht. „Komm mit, ich zeig’s dir.“ Sie nahm Marians kleine Hand und ging mit ihm über den Flur in das Badezimmer. „Schau“, sagte sie und deutete auf die beiden Waschbecken, „da wäscht man sich das Gesicht und putzt sich die Zähne. Das große Weiße da ist eine Badewanne. Da lässt man Wasser rein und dann legt man sich rein. Daneben, das ist eine Dusche. Da kommt das Wasser von oben, man seift sich ein und wäscht sich dann ab“, erklärte sie.

Marian schaute sich alles genau an. Er beobachtete wie sich Katharina wusch, die Zähne putzte und ihre Haare kämmte. Es fand das sehr interessant, so etwas hatte er noch nie gesehen. „Warum macht ihr das denn?“, fragte Marian neugierig.

„Damit wir sauber sind und nicht stinken und unsere Zähne nicht kaputt gehen“, antwortete Kathi geduldig.

„Kann ich denn auch mal?“, fragte er.

„Klar. Komm her.“

Marian öffnete den Wasserhahn so wie Kathi es ihm gezeigt hatte. Allerdings zog er den Hebel ganz nach oben und es kam so viel Wasser, dass es nach allen Seiten spritze. „Ui“, kreischte Marian begeistert.

Kathi drückte rasch den Hebel wieder nach unten. „Du darfst es nicht so weit aufmachen. Es wird ja alles nass.“

Marian hielt seine Hände unter den Wasserstrahl und Kathi konnte ihn gerade noch davon abhalten seinen Kopf auch noch darunter zu halten. Sie drückte ihm ein Handtuch in die Hand und zeigte ihm, wie er sich abtrocknen sollte.

Endlich waren die beiden fertig zum Schlafengehen. Sie legten sich in Katharinas Bett und Marian kuschelte sich eng an Kathi. Keine zwei Minuten später waren sie auch schon eingeschlafen.

Kapitel 3

Am nächsten Tag, es war der Samstag vor Heilig Abend, weckte Katharinas Mutter sie um neun Uhr. Ihr Vater hatte frei und sie wollten nach dem gemeinsamen Frühstück den Weihnachtsbaum kaufen gehen. Als ihre Mutter das Zimmer verlassen hatte, weckte Kathi Marian auf. „He Marian, aufstehen!“, sagte sie und strich ihm leicht über die Wange. Marian schlug die Augen auf.

„Ich habe so gut geschlafen und fühl ich wie neugeboren.“ Er streckte sich und reckte sich ausgiebig. „Meine Flügel tun auch nicht mehr so weh wie gestern Abend“, strahlte er.

Katharina hatte sich in der Zwischenzeit angezogen und rannte schnell ins Bad. Heute war nur Katzenwäsche angesagt. Ein paar Minuten später rannte sie schon wieder zurück in ihr Zimmer. „Marian, ich geh schnell frühstücken. Warte hier, ich bring dir was mit“, sagte sie und wollte zur Türe hinaus.

Marian sah sie traurig an. „Kann ich denn nicht mit?“, fragte er.

„Naja“, meinte Kathi nach kurzem Überlegen, „es kann dich ja keiner sehen. Warum nicht. Also, komm schon. Du kannst ja mit mir von meinem Teller essen. Das fällt bestimmt nicht auf.“

Zusammen gingen sie in die Küche. Kathis Eltern saßen bereits am Frühstückstisch. Sie schob Marian auf die Eckbank und setzte sich neben ihn. Sie begann sich ein Brötchen zu schmieren.

„Mama, kann ich noch einmal eine Tasse Kaba haben?“, fragte sie und streckte ihrer Mutter die leere Tasse entgegen.

„Wie, hast du sie etwas schon leer getrunken?“, fragte ihre Mutter erstaunt, stand aber auf und machte ihr eine neue Tasse Kaba.

Nach dem Frühstück zogen die Drei (Vier) dann los. Marian war ganz aufgeregt, denn er war noch nie mit einem Auto gefahren. Was hatte er alles zu erzählen, wenn er wieder im Himmel war. Ob seine Engelsfreunde ihm wohl glauben würden? Stolz saß  er neben Kathi im Auto und schaute zum Fenster hinaus.

„Sag, Marian, gefällt dir das Autofahren?“, raunte sie ihm leise ins Ohr.

„Supersternengalaktisch gut“, jubelte Marian leise zurück.

Zum Glück unterhielten sich ihre Eltern so angeregt, so dass sie nicht hörten. Endlich waren sie auf dem Christkindlmarkt. Es war eine richtige kleine Budenstadt, wo es bunte Glaskugeln, Strohsterne, Krippen, Krippenfiguren und noch vieles mehr zu kaufen gab. Das Schönste aber war der Stall mit der Krippe, in der eine Babypuppe lag, die das Christkind darstellen sollte. Gleich daneben standen die Hirten, Schafe, Kühe und Ziegen. Über dem Stall schwebte ein großer, leuchtender Stern.

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Kathi und Marian konnten sich nicht daran sattsehen und erst als ihre Eltern sie energisch aufforderten endlich mitzukommen, rissen sie sich los und rannten schnell  ihren Eltern hinterher. Ein paar Meter weiter gab es eine große Auswahl an Christbäumen, große und kleine. Kathis Vater nahm einen nach dem Anderen, stellte ihn auf, begutachtete ihn von allen Seiten, legte ihn zur Seite und nahm den Nächsten. Er hatte an jedem  Baum etwas auszusetzen. Kathi und ihre Mutter verdrehten sie Augen und sahen sich genervt an.

„Komm, Franz, den nehmen wir, der ist doch gut“, sagte Kathis Mutter schließlich, als er einen, ihrer Meinung nach makellosen Baum aufstellte. Kritisch drehte Kathis Vater ihn mehrmals im Kreis, damit er ihn von allen Seiten betrachten konnte. „Nein“, sagte er schließlich, „der ist nicht dicht genug.“ Er legte ihn wieder zurück.

So ging das bestimmt eine Stunde. Kathi hatte nicht mitgezählt, aber ihr Vater hatte bestimmt, da war sie sich ganz sicher, mindestens hundert Bäume angeschaut. Sie fror mittlerweile und hatte genug. „Papa, so nimm doch endlich einen“, sagte sie. „Mir ist kalt und ich will heim.“

„Gleich Kind“, antwortete ihr Vater und wollte den nächsten Baum nehmen. In dem Moment fiel sein Blick auf eine große Tanne, die nicht wie die anderen lag, sondern wie von Zauberhand gehoben stand. „Das ist er“, sagte ihr Vater und steuerte den Baum an. „Schaut mal, der ist so gerade und regelmäßig gewachsen, dass er sogar von alleine steht.“

Was er allerdings nicht sehen konnte war, dass Marian den Baum mit all seiner Kraft hielt. Marian hatte mit geübtem Blick die Bäume angeschaut und dann zielsicher den Schönsten gefunden.

Stolz trug Vater seinen Baum zum Auto, nachdem der Christbaumhändler ihn vorsichtig in ein Netz verpackt hatte. Er band ihn auf das Autodach und nachdem sie auf dem Weihnachtsmarkt noch eine Kleinigkeit gegessen hatten, fuhren sie nach Hause. Dort wurde der Weihnachtsbaum auf die Terrasse in einen Eimer Wasser gestellt.

Nach dieser Anstrengung ließ sich Kathis Vater in seinen Sessel im Wohnzimmer fallen, schaltete den Fernseher ein und war schon nach wenigen Minuten eingeschlafen. Er fing fürchterlich zu schnarchen. Es war, als wollte er den Fernseher an Lautstärke übertönen. Kathi und Marian kicherten vor sich hin.

„Kathi, versteck dich doch mal hinter dem Sessel“, sagte Marian immer noch kichernd.

„Warum?“, fragte Kati erstaunt.

„Du wirst gleich sehen, aber du darfst nicht lachen.“ Marian ging auf ihren Vater zu und zwickte ihn leicht in die Nase. Sofort hörte das Schnarchen auf und unwirsch führ sich Kathis Vater über das Gesicht, schnarchte aber sofort wieder weiter.

Diesmal zog Marian an seinem Ohr und als er nicht reagierte zog er gleich noch einmal, diesmal aber Kräftiger. Kathis Vater fuhr auf, schaute sich verwirrt im und rief laut: „Was zum Teufel war das?“

Kathi, die hinter dem Sessel kauerte, hielt sich die Hand vor den Mund und versuchte mit aller Kraft das Lachen zu unterdrücken. In dem Moment kam Kathis Mutter ins Wohnzimmer. Auf ihren Händen balancierte sie ein Tablett. „Was schreist du denn so?“, fragte sie und stellte das Tablett auf dem Wohnzimmertisch ab.

„Ach nichts“, sagte der Vater, nachdem er festgestellt hatte, dass außer ihm und seiner Frau niemand im Zimmer war, „ich habe wohl geträumt.“

Kathis Mutter lächelte und schüttelte den Kopf. Sie goss ihm eine Tasse Kaffee ein und stellte eine große Schale mit Weihnachtsgebäck auf den Tisch. Es duftete herrlich nach Zimtsternen, Pfefferkuchen und  Makronen. Kathi lief das Wasser im Mund zusammen, doch sie wusste nicht, wie sie unbemerkt hinter dem Sessel hervorkommen konnte. „Marian“, flüsterte sie leise, „ich will Kekse und Kakao, aber wenn ich jetzt hinter dem Sessel vorkomme, dann schimpft mein Vater. Dann glaubt er, dass ich ihn am Ohr gezogen habe.“ Vorwurfsvoll schaute sie Marian an. „Du hast mich in diese Lage gebracht. Jetzt hilf mir auch wieder heraus.“

„Kein Problem“, kicherte Marian und ging zum Tisch. Dort fing er an die Teller und Tassen umher zu schieben, um so ihre Eltern abzulenken, damit Kathi schnell aus dem Wohnzimmer hinausschleichen konnte.

Entsetzt starrte die Mutter auf die sich bewegenden Tassen und Teller. „Franz, hast du das gesehen?“

„Nein, was denn?“, antwortete Kathis Vater ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen.

„Franz, die Tassen und Teller haben sich bewegt.“

Jetzt löste der Vater doch seinen Blick vom Fernseher und sah seine Frau erstaunt an. „Was meinst du damit, die Tassen und Teller haben sich bewegt?“ Er schaute auf die Teller und Tassen, die aber wieder so, wie Kathis Mutter sie hingestellt hatte, standen. „Also, ich sehe nichts. Die stehen doch ganz ruhig da. Du musst dich geirrt haben. Außerdem bewegen sich Teller und Tassen schließlich nicht von alleine.“

„Mama, ich will auch einen Kakao und Kekse“, rief Kathi und platzte ins Wohnzimmer. Sie setzte sich auf die Couch und schaute ihre Mutter erwartungsvoll an. Marian setzte sich neben sie.

Kathis Mutter goss ihr Kaba in eine Tasse. „Und ich hab es doch gesehen“, beharrte sie eigensinnig.

„Was hat du gesehen“, fragte Kathi unschuldig und nahm sich einen Keks.

„Eine Mutter meint, wir haben hier einen Pumuckl, der Tassen und Teller verschiebt“, sagt ihr Vater lachend.

Kathis Mutter schaute ihn wütend an, hielt es aber für besser nichts mehr darauf zu sagen. Wortlos trank sie ihren Kaffee und schaute angestrengt auf den Fernseher, als gäbe es nichts Interessanteres.

Kathi und Marian ließen sich die Kekse schmecken. Am meisten aber aß Marian, der noch nie so etwas Gutes gegessen hatte.

„Du, hör jetzt auf“, flüsterte Kathi , „dir wird sonst noch schlecht.“

Ihr Vater schaute sie an. „Hast du was gesagt?“, wollte er wissen.

Kathi zog die Augenbrauen in die Höhe. „Nö, warum?“

„Ich dachte, ich hätte was gehört“, sagte ihr Vater und wandte sich wieder dem Fernseher zu.

Kathi wurde es langweilig, sie nahm Marians Hand und zog ihn aus dem Zimmer. Draußen sagte sie: „Ich hab keine Lust zum Fernsehen. Lass uns in mein Zimmer gehen und etwas spielen. Hast du Lust?“

„Klar“, sagte Marian und folgte ihr wie ein kleiner Schatten.

Kapitel 4

Am nächsten Morgen wachten Kathi und Marian schon um neun Uhr auf. Da Kathis Eltern noch schliefen, schlichen sie leise hinunter in die Küche und beschlossen Frühstück zu machen, um die Eltern zu überraschen. Doch bevor sie damit anfingen, zeigte Kathi Marian noch ihren großen Adventskalender. Hinter jedem Türchen befand sich ein Bildchen und eine Schokoladenfigur. Marian, der das nicht kannte, wollte wissen, was es damit auf sich habe.

„Das sind vierundzwanzig Türchen und man darf jeden Tag nur eines aufmachen“, erklärte Kathi ihm. „Wenn man dann das Letzte geöffnet hat, ist Heilig Abend. Heute darf ich schon das 19. Türchen öffnen.“ Sie fuhr vorsichtig mit ihrem Fingernagel hinein und zog das Türchen auf. Heute war ein kleiner Schokoladenchristbaum darin und dahinter ein buntes Bild von einem wunderschön geschmückten Christbaum.

„Marian schaut ihr fasziniert zu. „Das ist ja klasse. Darf ich auch mal?“, fragte er und hüpfte vor Begeisterung auf und ab.

„Aber Marian“, sagte Kathi, „ich hab dir doch eben erklärt, dass man jeden Tag nur ein Türchen öffnen darf.“

„Dann will ich auch sowas!“

Kathi lachte und streckte ihm gutmütig den Schokoladenchristbaum hin. „Da, nimm du ihn. Ich schenk ihn dir und ab morgen, ich verspreche es dir, darfst du die Türchen aufmachen. Okay?“

Marian strahlte über das ganze Gesicht und umarmte sie herzlich. „Du bist klasse, meine aller, aller beste Menschenfreundin.“

Kathi befreite sich lachend aus seiner Umarmung. „Komm, jetzt machen wir Frühstück bevor meine Eltern aufwachen. Du kannst Kaffee machen.“ Sie erklärte ihm, wie er die Kaffeemaschine bedienen musste und ging dann zum Kühlschrank. Sie holte eine Eierschachtel heraus, legte vier Eier in den Eierkocher und schaltete ihn ein.

Danach deckten sie schnell den Tisch, stellten Marmelade, Honig und Butter dazu und legten die Brötchen auf den Toaster. Sie waren gerade fertig, als ihre Mutter den Kopf zur Tür hereinsteckte. „Guten Morgen, mein Schatz“, sagte sie und gab ihrer Tochter einen Kuss. „Oh, du hast schon Frühstück gemacht? Du, das finde ich aber toll.“ Sie setzte sich auf den Küchenstuhl und Kathi goss ihr Kaffee ein, bevor sie dann noch schnell die Eier auf den Tisch stellte.

Ihre Mutter nahm sich Zucker und Milch und rührte ihren Kaffee um. Verwundert schaute sie in ihre Tasse. Der Kaffee blieb trotz der Dosenmilch kohlrabenschwarz. Sie schüttete noch mehr Milch hinein, doch auch jetzt wurde der Kaffee kaum heller. Vorsichtig probierte sie ihn. Der Kaffee war so stark, dass beinahe der Löffel darin stecken blieb. „Kathi, wie viel Kaffeepulver hast du genommen?“, fragte sie und stand auf, um im Wasserkocher Wasser heiß zu machen.

„Schmeckt er nicht?“, fragte Kathi, „ich habe genau so viel  genommen wie immer.“

„Komisch“, sagte ihre Mutter, „er ist heute furchtbar stark. Na, macht nichts, dann gieße ich halt noch etwas heißes Wasser dazu.“

Kurz darauf erschien Kathis Vater in der Küche. „Hm, wie gut das hier riecht, einfach köstlich“, rief er. „Ich habe einen Bärenhunger.“

Die Mutter  goss Kaffee in eine Tasse und stellte sie vor ihren Mann hin. Er nahm sich ein Brötchen und strich Butter darauf. „Kann ich bitte den Honig haben?“ Gleich darauf biss er so herzhaft in das Brötchen, dass die Krümel  auf dem ganzen Tisch herum flogen.

Kathi strich sich schon das zweite Brötchen, denn das Erste hatte sie Marian gegeben, dem es offensichtlich sehr gut schmeckte. Er hatte bereits beide Hälften aufgegessen und nahm Kathi schon das nächste aus der Hand. Kleine Engel haben ja einen riesigen Appetit, dachte Kati und nahm sich noch ein Brötchen.

Plötzlich fing ihr Vater an zu prusten. Er schüttelte sich. „Was ist das denn?“, fragte er empört. „Das kann man ja nicht trinken.“ Er stellte die Kaffeetasse zurück auf den Tisch. Angewidert schaute er den Kaffee an. „Marianne, hast du das ganze Paket Kaffeepulver hineingeschüttet?“, fragte er.

Kathis Mutter lachte. „Nein, den Kaffee hat Kathi gemacht und sie hat wohl ein wenig zu viel Kaffee erwischt.“

„Ein wenig?“, sagte ihr Vater, „da kriegt man ja einen Herzkasper davon.“

Kathis Mutter goss ihm noch heißes Wasser in die Tasse. „So, ich denke jetzt kriegst du keinen Herzkasper mehr, Franz.“

Nachdem sie alle gegessen hatten, räumte die Mutter den Tisch ab und Kathi stellte das Geschirr in die Spülmaschine. Ihr Vater schnappte sich die Sonntagszeitung und verzog sich damit auf die Toilette. Dort saß er oft mehr als eine Stunde und wenn er danach heraus kam, tat ihm immer sein ganzes Hinterteil weh. Kathi und ihre Mutter lachten ihn immer aus. Warum saß er auch solange auf so einem ungemütlichen Ort. Er war doch selbst schuld.

Kathis Mutter fing anschließend an zu kochen an und Kathi ging mit Marian zurück in ihr Zimmer. Sie setzten sich auf ihr Bett. Marian bewegte vorsichtig seine Flügel und stellte erfreut fest, dass sie schon viel weniger schmerzten. Sicher könnte er bald  wieder zurück in den Himmel fliegen.

„Tun sie noch arg weh?“, fragte Kathi, die ihn beobachtet hatte.

„Nein, ist schon viel besser.“

„Meinst du, du kannst schon wieder fliegen?“

„Nein, ich glaub nicht. Damit warte ich lieber noch ein paar Tage“, antwortete Marian, „so eilig hab ich es ja gar nicht wieder in den Himmel zu kommen. Eigentlich gefällt es mir hier sehr gut.“

Kathi strahlte. „Bin ich jetzt aber froh. Ich hab schon gedacht du fliegst bald weg.“ Sie rutschte ein wenig näher an Marian. „Es wär schon toll, wenn du für Immer bei mir bleiben würdest.“

„Das geht leider nicht“, sagte Marian und schaute ihr forschend ins Gesicht. „Sag mal, Kathi, was wünscht du dir den eigentlich zu Weihnachten?“

Plötzlich huschte ein Schatten über Kathis Gesicht und ihre Augen wurden ganz dunkel. Eine Zeitlang sagte sie gar nichts, doch Marian wartete geduldig. „Meinst du, was ich mir am meisten wünsche?“, fragte sie schließlich.

Marian nickte.

„Ich wünsche mir am liebsten eine beste Freundin für mich ganz alleine“, sagte Kathi dann leise.

„Hast du denn keine Freunde?“

„Nicht wirklich“, antwortete Kathi einsilbig.

„Warum nicht?“, bohrte Marian weiter.

Wieder sagte Kathi eine Weile nichts. Dann brach es aus ihr heraus. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die fast im selben Augenblick an ihren Wangen herunter kullerten. „Warum wohl“, sagte sie, „weil ich dick bin.“

Marian schaute sie überrascht an. „Dick?“, fragte er dann. „Du bist doch nicht dick! Wenn überhaupt, dann höchstens ein bisschen mollig, aber ich finde, dass es dir sehr gut steht“, versuchte Marian sie zu trösten.

Kathi lächelte unter Tränen. „Ehrlich?“, fragte sie ungläubig, „findest du das wirklich oder willst du mich nur trösten?“

„Nein, ganz, ganz ehrlich. Mein Engelehrenwort!“, sagte Marian und schaute sie ernst an. „Aber sag mal, warum mögen dich die Kinder deshalb nicht? Du bist doch so lieb und das Aussehen spielt dabei doch keine Rolle?“

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Kathi holte ein Papiertaschentuch aus ihrer Nachttischschublade und schnäuzte sich kräftig die Nase. „Das sagst du! Ein Mädchen hat zu mir gesagt, dass sie mich nicht mag, weil ich dick bin. Das war die Clarissa und die ist mega dünn.“

„Mensch, das ist aber echt gemein. Aber sei  nicht traurig“, sagte Marian und umarmte seine Freundin herzlich, „vielleicht kann ich dir ja helfen, damit sich dein Herzenswunsch erfüllt.“

„Du?“, fragte Kathi überrascht, „kannst du denn zaubern?“

Marian musste lachen. „Nein, leider nicht, aber manchmal können Engel schon helfen. Denk nur an die Schutzengel. Die helfen ja auch den Menschen, indem sie sie vor Unfällen oder anderen Unglücken bewahren.“

„Das stimmt“, sagte Kathi eifrig, „meiner hat mich schon dreimal beschützt. Zweimal bin ich eine Treppe heruntergefallen und einmal wäre ich im Urlaub fast ertrunken.“

Sie unterhielten sich noch lange und Kathi erzählte Marian, dass sie schon von der ersten  Klasse an immer ausgelacht worden war und wie gemein die Kinder oft zur ihr waren. Dass sie bei Spielen nicht mitmachen durfte, selten auf einen Geburtstag eingeladen wurde und wie viel Angst sie oft vor der Schule hatte. Besonders vor dem Turnunterricht und dem Schwimmen. Denn da musste sie sich ausziehen und in dem Turndress und dem Badeanzug konnte man ja ihre Speckröllchen ganz genau sehen.

Während sie so redeten, merkten sie gar nicht wie die Zeit verging. Erst als Katharinas Mutter sie zum Essen rief, schaute sie auf die Uhr.

„Was, so spät ist es schon wieder?“, rief Katharina erstaunt. „Mit dir vergeht die Zeit so schnell, man merkt es kaum.“

Schnell gingen die beiden hinunter. Nach dem Essen wollten sie hinaus in den Schnee und Katharina gab Marian etwas Warmes zum Anziehen. Nachdem auch sie sich ihre schwarze Schneehose, den roten Anorak, ihre Fäustlinge und Schal und Mütze übergezogen hatte, rannten sie hinaus in den Schnee.

Draußen war es ziemlich kalt, aber die Sonne schien und der Himmel war strahlend blau. In der Nacht hatte es wieder geschneit und die Felder hinter dem Haus waren dick mit Schnee bedeckt. Der war so strahlend weiß, dass er in den Augen blendete. Es war eine herrliche unberührte Landschaft. Die Bäume am Rand der Felder trugen so schwer an der weißen Last, dass sich die Zweige tief neigten. Vom Hausdach hingen große, spitze Eiszapfen und der Rauch aus dem Kamin sah aus, wie eine weiße Fahne.

„Hast du Lust einen Schneemann zu bauen?“, fragte Katharina fröhlich. Endlich hatte auch sie jemanden zum Spielen.

„Auja, aber einen ganz Großen“, sagte Marian begeistert.

Zusammen rollten sie die erste Schneekugel, die das Unterteil des Schneemannes sein sollte. Sie rollten solange, bis sie die Kugel fas nicht mehr bewegen konnten, weil sie so groß und schwer war. Nachdem sie noch eine Zweite und Dritte Kugel gerollt hatten, wuchteten sie sie gemeinsam aufeinander. Endlich war es geschafft.

Schweratmend von der Anstrengung, aber stolz auf ihr Werk, standen sie vor dem Schneemann.

„Warte, Marian. Ich hole mir von Mama eine Karotte für die Nase und einen alten Hut von Papa“, sagte Katharina und rannte ins Haus. Kurz darauf kam sie wieder. in der Hand eine große Karotte und auf dem Ko0pf einen alten Hut von ihrem Vater.

„Kathy, der Schneemann hat ja gar keine Augen“, sagte Marian und schaute sie fragend an.

„Stimmt. Komm wir suchen ein paar Steine. Zwei für die Augen und noch ein paar als Knöpfe an seinem Bauch.“

Plötzlich hörten sie ein lautes Gegröle und fünf Jungs rannten auf die Felder, direkt auf den Schneemann zu. Sogleich begannen sie Schneebälle zu formen und bewarfen damit den Schneemann. Als erstes schossen sie ihm den Hut vom Kopf und freuten sich über jedes Loch, das ein Schneeball an dem Schneemann hinterließ.

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Katharina und Marian, die gerade mit den Steinen zurückkamen, blieben stehen und schauten entsetzt zu. „Das sind Jungs aus meiner Klasse“, sagte Katharina. „Die sind immer so gemein.“

„Komm, denen werden wir es zeigen“, sagte Marian unternehmungslustig. „Wir werden sie mit Schneebällen vertreiben.“

„Marian, das hat keinen Sinn. Die sind in der Überzahl“, sagte Katharina traurig.

„Doch, zusammen schaffen wir das, glaub mir“, sagte er siegessicher und begann bereits Schneebälle zu formen.

In dem Moment drehte sich einer der Jungs um und deutete auf Katharina. „He, schaut mal her“, schrie er laut. „Da kommt ja die fette Katha.“

Schwupps, da traf ihn schon der erste Schneeball auf den Kopf. „Au, schrie er und da kam auch schon der Zweite geflogen und traf ihn diesmal an der Backe, die sofort knallrot wurde.

„Na, warte, dir werden wir es zeigen“, schrie er wütend. „Attacke marsch!“, trieb er seine Freunde an. Doch die rührten sich nicht, denn jeder von ihnen hatte in der Zwischenzeit auch schon schmerzhaft mit mehreren Schneebällen Bekanntschaft gmacht und sie zogen sich etwas zurück-.

Marian war einen Schneeball  nach dem anderen und er traf immer. Den Anführer der Jungs hatte er nun auf die Nase Getroffen. Sie blutete und färbte den Schnee hellrot. Ein weiterer Schneeball traf ihn wieder auf der Backe. Diesmal auf der Anderen. Er sah bereits aus, als ob er für Rotbäckchen Werbung machen würde.

Trotz ihrer Angst musste Katharina lachen.

Als der Anführer merkte, dass sich seine Freunde aus dem Staub machten, drehte er sich noch einmal zu Katharina um, hob die Faust und schrie: „Das gibt Rache!“ Dann rannte er seinen Freunden hinterher.

Marian und Katharina konnten nun ihren Schneemann in Ruhe fertig bauen. Es war ein wunderschöner Schneemann, der stolz seine Nase gegen die Sonnte streckte. Nachdem sie ihm noch die Arme geformt hatten, standen die Beiden da und schauten ihr Werk an.

„Der ist toll geworden, nicht Marian?”, jubelte Katharina. „Mensch, und wie du die Jungs vertrieben hast, war einfach irre. Hoffentlich tun die mir morgen in der Schule nichts, fügte sie ängstlich hinzu.

„Keine Sorge, ich bin ja bei dir und werde denen, wenn es notwendig ist, nochmal einen Denkzettel verpassen. Dann aber so, dass sie ihn so schnell nicht wieder vergessen werden.“

„Kommst du denn mit in die Schule?“, fragte sie verdutzt.

„Klar“, sagte Marian, „wenn ich schon mal die Gelegenheit habe… Im Himmel geht man nicht in die Schule.“

Kapitel 5

Am Montagmorgen waren Katharina und Marian schon lange bevor der Wecker klingelte wach. Beide waren aufgeregt. Katharina, weil sie einerseits Angst vor der Rache der Jungs hatte, aber andererseits freute, dass ihr Freund mit ihr zur Schule gehen würde.

Marian war aufgeregt, weil es sein erster Schultag war und er sich schon riesig darauf freute.

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Nach dem Frühstück stapften die beiden Hand in Hand durch den weichen Schnee. Katharina strahlte über ihr ganzes Gesichtchen. Endlich war sie nicht mehr alleine und plötzlich fühlte sie sich unheimlich stark. Sie hütete sich auch davor darüber nachzudenken, dass Marian ja nicht für immer bei ihr bleiben konnte. Sie wünschte aber, dass es so wäre.

Als Katharina das Klassenzimmer betrat, warfen ihr die Jungs bitterböse Blicke zu. Sie tat aber, als ob sie es nicht bemerkte und ging zu ihrem Platz. Es waren alles Zweiertische, drei Stück nebeneinander.

Der Stuhl neben Katharina war frei und so setzte sich Marian darauf. Erwartungsvoll sah er sich in der Klasse um. Was war das für ein Gekicher und Geschnatter. Alle Kinder redeten aufgeregt durcheinander.

„Was macht ihr an Weihnachten, Anna?“, rief ein blondes Mädchen in einem roten Kleid.

„Ich gehe mit meinen Eltern zu Skifahren. Mein Papa wird es mir beibringen. Und zu Weihnachten bekomme ich nagelneue Ski und einen tollen roten Schneeanzug“, trumpfte Anna auf.

Fast alle Gespräche drehten sich um das bevorstehende Weihnachtsfest und die zu erwartenden Geschenke.

Marian hörte aufmerksam zu, soweit das bei dem Getöse möglich war.

„Marian“, flüsterte Katharina, „glaubst du, die Jungs werden mir etwas tun?“

„Nein“, flüsterte Marian zurück, „ich glaube die sind alle zu sehr mit Weihnachten beschäftigt. Aber, sag Katharina, sitzt du immer alleine?”

„Ja“, antwortete Katharina einsilbig.

Marian schaut sich wieder in der Klasse um und da fiel sein Blick auf ein Mädchen in der letzten Reihe, das genau wie Katharina allein in seiner Bank saß. Das Mädchen war sehr ball und hatten den Blick zu Boden gesenkt.

Marian stand auf und huschte zu ihr hin. Er sah, dass ihr dicke Tränen über die Wangen kullerten, die sie immer wieder verstohlen abwischte. Es war ein jammervoller Anblick und Marian hätte sie gerne getröstet. Er ging wieder zurück zu Katharina und stupste sie leicht an.

„He, Kathy, wer ist das Mädchen in der letzten Reihe, die da auch so alleine sitzt wie du?“, fragte er.

Katharina drehte sich kurz um und sagte dann leichthin: „Ach die. Das ist die Sandra.“

„Was ist mit ihr los“, fragte Marian. „Warum weint sie?“

„Keine Ahnung, die hängt schon seit Wochen so rum“, sagte Katharina und schaute wieder sehnsüchtig dem fröhlichen Treiben der Anderen zu. Wie gerne hätte sie da auch mitgemischt, doch man wollte sie ja nicht.

„Hast du sie mal gefragt, warum sie so traurig ist?“, ließ Marian nicht locker.

„Nein.“

„Und warum nicht? Ich dachte du suchst eine Freundin?“, bohrte Marian weiter.

Jetzt schaut Katharina ihn erstaunt an. „Was hat denn das mit der Sandra zu tun?“

„Na, ist doch klar. Sie scheint genauso alleine zu sein wie du. Was läge denn da näher, als wenn ihr euch zusammen tun würdet?“

„Meinst du wirklich?“, fragte Katharina zweifelnd.

„Ganz bestimmt. Jetzt geh hin und frag sie, ob du ihr helfen kannst“, sagte Marian bestimmt.

Zögernd und immer noch voller Zweifel stand Katharina auf und ging langsam nach hinten. Nach halber Strecke drehte sie sich noch einmal zu Marian um, der ihr aufmunternd zunickte und so ging sie weiter.

Sie setzte sich stumm neben Sandra und als sie sah, dass diese wirklich weinte, wurde sie ganz verlegen und wusste nicht, was sie nun tun sollte. Doch schon naht Hilfe in Form von Marian. Der hatte sich auf den Tisch gesetzt und strich Sandra sanft über die Haare.

Sandra, die natürlich dacht, dass es Katharina war, die ihr über den Kopf gestrichten hatte, hob den Kopf und schaut sie mit tränennassen Augen an. Doch bevor eine von Beiden etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür und der Lehrer betrat den Raum.

Schnell rannten die anderen Kinder auf ihre Plätze und sekundenschnell war es mucksmäuschenstill im Klassenzimmer.

Katharina nahm unter der Bank Sandras Hand und drückte sie nur aufmunternd. Sie konnte jetzt ja nicht mehr reden. Sie hielt Sandras Hand während der ganzen Stunde und Sandra schaut immer wieder verwundert zu Katharina.

Endlich war die Stunde um und der Lehrer verließ das Klassenzimmer. Kaum war er draußen ging das Geschnatter wieder los.

„Sandra, magst du vielleicht nachher in der großen Pause mit mir herumlaufen? Sollen wir reden?“, fragte Katharina und Sandra nickte unter Tränen.

Endlich war auch diese Stunde herum und Katharina ging mit Sandra in den Pausenhof. Dort suchten sie sich ein ruhiges Eckchen, wo sie sich ungestört unterhalten konnten. Natürlich war auch Marian dabei, doch das wusste nur Katharina, da Sandra ihn ja nicht sehen konnte.

„Was ist los mit dir? Warum hast du vorher geweint?“, fragte Katharina leise voller Mitgefühl.

Sandra schaut wieder zu Boden und dann sprudelte es aus ihr heraus: „Mein Papa ist gestern ausgezogen, meine Mama ist krank und muss für längere Zeit in eine Klinik. Und ich muss übermorgen zu meiner Tante. Die mag ich aber gar nicht und dort muss ich bleiben, bis meine Mama wieder gesund ist.“ Wieder liefen dicke Tränen aus ihren Augen.

„Oh, das tut mir aber leid“, sagte Katharina betroffen. „Was hat deine Mama denn?“

„Ich weiß nicht so genau“, antwortete Sandra unter Tränen, „sie sagen sie hätte was mit der Psyche. Irgendwie so Angst vor vielen Sachen. So ganz glaube ich das aber nicht. Sie trinkt sehr viel Alkohol, dann ist sie immer so komisch. Manchmal schlägt sie mich dann auch.“

„Und was ist mit deinem Vater? Warum ist er ausgezogen?“

„Weil…, weil..“, schluchzte Sandra, „weil er es nicht mehr aushält.., das mit Mama, sagt er. Er kommt erst wieder zurück, hat er gesagt, wenn sie von der Flasche weg wäre.“

Katharina wusste nicht, was sie dazu sagen sollte und so schwieg sie und legte nur den Arm um Sandra. Schade, dass sie nun nicht mit Marian reden konnte. Leider ging das ja nicht im Beisein von anderen.

Aber nachher, nahm sie sich vor, werde ich ihn fragen, was ich tun soll.

Sie glaubte fest, dass er helfen konnte. Schließlich war er immerhin ein Engel. Zaubern konnte er zwar nicht, aber ihm würde sicher etwas einfallen. Es klingelte und die Pause war zu Ende.

„Komm Sandra“, sagte Katharina tröstend, „es wird bestimmt wieder alles gut. Vielleicht fällt mir ja eine Lösung ein wie man dir helfen kann. Ich wird darüber nachdenken.“

Nachdenklich schaute Sandra Katharina an und schüttelte dann leicht den Kopf. „Danke Kathy, das ist sehr lieb von dir. Doch helfen kannst du mir da nicht. Da kann keiner helfen.“

Sie umarmte Katharina kurz und meinte dann: „Warum hab ich bloß nie gemerkt, wie nett du bist. Alle sind immer so gemein zu dir und ich hab auch immer einfach mitgemacht. Es tut mir so leid Kathy.“

„Schon gut“, sagte Katharina verlegen. „Wer weiß, vielleicht, wenn ich dünn wäre… ob ich dann eine dicke Freundin haben wollte, weiß ich ja auch nicht.“

Jetzt standen Tränen in Katharinas Augen und sie wandte schnell den Kopf ab. Aber nicht schnell genug, denn Sandra hatte es schon bemerkt.

„Du bist doch nicht dick“, sagte sie bestimmt, „höchstens etwas mollig und sehr hübsch. Aber ich weiß jetzt auch, dass das in Freundschaften keine Rolle spielt.“ Sie deutete auf ihr Herz und fuhr fort: „Was da drinnen ist, ist viel, viel wichtiger.“

Sie waren im Klassenzimmer angekommen. Katharina setzte sich wieder wie selbstverständlich neben Sandra und blieb dort für den Rest der Schulstunden.

Als die Schule aus war, hatte sie es sehr eilig von der Schule wegzukommen. Marian konnte kaum mit ihr Schritthalten.

„Warum rennst du denn so“, fragte er völlig außer Puste.

„Weil ich weg will von den anderen, damit wir reden können.“

„Aber wir können doch schon jetzt reden“, sage Marian erstaunt.

„Ja, aber wenn die anderen es sehen, denken die doch ich rede mit mir selber. Dann glauben die noch ich bin völlig übergeschnappt.“

Jetzt musste Marian lachen. „Na und?“, lachte er herzlich, „kümmert`s dich denn?“

 

Kapitel 6

 

Nach dem Mittagessen halfen Katharina und Marian der Mutter noch schnell beim Küchendienst. Katharinas Mutter, die ja nichts von Marian ahnte und so auch nicht wissen konnte, dass er mithalf, wunderte sich nur darüber, wie schnell Katharina ihre Arbeit jetzt immer erledigte.

Als sie fertig waren, erklärte Katharina ihrer Mutter, dass sie nun in ihr Zimmer gehen würde um Hausaufgaben zu machen. Endlich waren Katharina und Marian allein.

„Marian, du hast doch gehört, was Sandra erzählt hat. Kannst du mir nicht sagen, was ich tun kann, um ihr zu helfen? Oder noch besser, kannst du ihr nicht helfen?“

Nachdenklich schaut Marian in die Luft. Er kräuselte die Nase und runzelte die Augenbrauen. Nach längerer Zeit sagte er schließlich: „Du hast mir gesagt, als ich dich vor ein paar Tagen fragte, dass dein sehnlichster Wunsch zu Weihnachten eine beste Freundin wäre. Stimmt das noch?“

„Ja, aber was hat…“, fragte Katharina erstaunt.

„Was das mit Sandras Problemen zu tun hat, willst du wissen? Ganz einfach, du wirst ihr helfen und ich bin mir ganz sicher, dass du danach eine wirklich beste Freundin hast. Da verwette ich sogar meine angestauchten Flügel.“

Katharina musste lachen. „Besser nicht, denn wenn du die Wette verlierst, dann musst du für immer bei mir bleiben. Obwohl“, fügte sie hinzu, „mir wäre es ja recht.“

„Das könnte dir so passen“, grinste Marian, „es ist ja ganz schön auf der Erde, aber eigentlich freue ich mich schon auf meine Kameraden und meine weichen Wolken. Und für dich ist es auch besser, wenn du eine irdische Freundin hast.“

Zur Übung machte er gleich ein paar leichte Flugübungen und stellte zufrieden fest, dass seine Flügel fast gar nicht mehr schmerzten. „Noch kurze Zeit und ich kann wieder fliegen“, sage er froh.

Katharina schaute ihn traurig an. „Bleibst du denn wenigstens noch bis zum Heiligen Abend?“

„Ich verspreche es bei allem was mir heilig ist“, sagte Marian feierlich.

Unsicher fragte Katharina: „War das jetzt ein Witz oder war das ernst gemeint?“

„Ernst gemeint natürlich, du Dummerchen“, lachte Marian. „Aber jetzt zurück zu Sandra“, fuhr er dann ernst fort. „Also, wie gesagt, du wirst ihr helfen und dafür eine Freundin gewinnen. Freunde bekommt man nicht einfach geschenkt, man muss auch etwas dafür tun.“

„Ich würde ihr ja so gerne helfen, aber ich kann doch nicht machen, dass ihre Mutter gesund wird oder dass ihr Vater zu Hause bleibt“, sagte Katharina traurig.

„Nein, natürlich kannst du das nicht. Da muss oder kann sich vielleicht eine höhere Stelle einschalten. Aber du könntest sie zum Beispiel  einladen bei dir zu wohnen. Und zwar solange bis ihre Mutter wieder gesund ist und das Problem mit ihren Eltern geklärt ist.“

Katharina sprang auf und hüpfte vor Begeisterung wie ein Gummiball auf und ab. „Das ist eine megatolle Idee. Sie könnte mit mir in meinem Zimmer schlafen und abends könnten wir stundenlang reden, spielen oder Witze machen. Oder eine Pyjamaparty, oder eine Kissenschlacht oder….

Plötzlich fuhr ein Schatten über ihr Gesicht und sie setzte sich neben Marian auf ihr Bett.

„Was ist los“, fragte Marian, „gefällt dir mein Vorschlag doch nicht?“

„Schon“, sagte Katharina, aber…., ich weiß nicht, ob meine Eltern damit einverstanden sind.“

„Wie wär`s, wenn du sie einfach mal fragen würdest?“, meinte Marian und grinste verschmitzt.“Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es erlauben werden.“ Sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter.

„Gute Idee“, sagte Katharina, „warte hier, ich werde gleich mal Mama fragen.“

Zehn Minuten später war sie zurück und strahlte über das ganze Gesicht.

„Ich brauch wohl nicht zu fragen, wie es gelaufen ist?“, sagte Marian und lächelte.

„Mama hat es erlaubt“, sprudelte Katharina hervor, „ich freu mich  so sehr.“  Plötzlich verfinsterte sich ihr Gesicht. „Was ist, wenn Sandras Mutter es nicht erlaubt?“

„Naja, wenn sie es nicht erlaubt, dann können wir nichts machen. Aber ich bin mir sicher, dass auch sie einverstanden sein wird“, sagte Marian und lächelte geheimnisvoll. „Manchmal können Engel Dingen schon etwas nachhelfen. Schließlich haben wir ja Kontakt zur allerhöchsten Stelle.

 

Kapitel 7

Am nächsten Tag, am Dienstagmorgen machten sich Katharina und Marian schon etwas früher auf den Weg zur Schule, denn Katharina konnte es gar nicht erwarten Sandra zu erzählen, was sie vorhatte. Sie wollte es unbedingt noch vor Unterrichtsbeginn erledigen.

Ungeduldig warteten die beiden vor der Schule, bis Sandra kam. Endlich bog sie um die Ecke. Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern kam sie direkt auf Katharina zu.

„Hallo ‚Sandra“, rief Katharina fröhlich, „ich habe eine Überraschung für dich.“

Verwundert schaut Sandra auf. „Was ist es denn?“, fragte sie mit trauriger Stimme.

„Wenn deine Eltern es erlauben, dann darfst du solange zu uns ziehen,  bis deine Mama wieder gesund ist und das mit deinen Eltern geklärt ist. Wir können dann zusammen Weihnachten feiern. Du kannst bei mir in meinem Zimmer schlafen und wir können reden, Spiele machen oder uns Witze erzählen. Das wird bestimmt irre lustig.“

Ungläubig fragte Sandra: „Ist das wirklich wahr? Sind denn deine Eltern damit einverstanden?“

„Ja, ich hab sie schon gefragt. Sie würden sich sehr freuen, wenn du zu uns kommst. Wir würden dann auch zusammen mit meinen Eltern deine Mutter ab um zu besuchen.“

Sandra wurde vor Freude ganz rot im Gesicht. „Also, ich glaub meine Mutter wird schon einverstanden sein“, sagte sie begeistert, „sie weiß ja, dass ich nicht zu dieser ollen Tante gehen mag. Bestimmt ist sie sogar froh darüber.“

Katharina sah, wie Marian lächelte und sie hakte sich bei Sandra unter. Zusammen gingen sie ins Klassenzimmer. Marian setzte sich wieder auf Katharinas Tisch und half ihr fleißig, indem er ihr vorsagte, wenn die Lehrerin etwas fragte und sie es nicht wusste.

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Endlich war auch dieser vorletzte Schultag zu Ende. Katharina schlug Sandra vor sie nach Hause zu begleiten um gleich deren Mutter zu fragen, ob sie mit der Lösung einverstanden war. Doch Sandra wollte zuerst nicht, gab aber schl8ießlich dem Drängen von Katharina nach.

Katharina erschrak fast, als Sandras Mutter die Tür öffnete. Ihr Gesicht war von einer wächsernen Blässe, ihre Wangen waren eingefallen und ihr Gang war schleppend, wie der einer alten Frau. Sie schlurfte vor den Kindern her in die Küche und ließ sich dort auf einen Stuhl fallen. Teilnahmslos starrte sie ins Leere.

Katharina schaute sich in der Küche um und was sie sah, war ein heilloses Chaos. In der Spüle stapelte sich haufenweise ungewaschenes Geschirr und dreckige Töpfe. Der Boden war übersät mit Krümeln und Flecken. Er müsste dringend gekehrt und gewischt werden. Die Tapeten waren gelb vom Tabakrauch und in einer Ecke der Küche standen mehrere übervolle Mülltüten, die einen sehr unangenehmen Geruch verbreiteten. Überall standen leere Flaschen herum. Als Katharina die Etiketten genauer anschaute, stellte sie fest, dass fast alles leere Schnapsflaschen waren.

Arme Sandra, dachte sie mitleidig, was musste sie in der letzten Zeit ausgehalten haben mit einer alkoholkranken Mutter. Jetzt begriff Katharina auch, warum Sandras Vater gegangen war.

„Mama“, sagte Sandra leise, „Katharina und ihre Eltern haben mich eingeladen solange bei ihnen zu wohnen, bis du wieder ganz gesund bist. Erlaubst du es?“

Sandras Mutter richtete ihren leeren Blick auf ihre Tochter. „Vo0n mir aus“, sagte sich gleichgültig und wandte den Blick wieder ab.

„Du musst entschuldigen Kathy“, sagte Sandra leise, „ich meine, dass es hier so aussieht. Ich bin noch nicht zum Spülen und aufräumen gekommen.“

„Musst denn du das alles machen?“, fragte Katharina.

„Ja“, sagte Sandra, „wer sollte es sonst machen. Mama kann ja nicht.“

„Sollen wir schnell zusammen aufräumen und saubermachen?“, fragte Katharina und schaut dabei Marian fragend an. Der nickte bestätigend.

„Das würdest du wirklich tun?“, fragte Sandra überrascht.

„Klar“, sagte Katharina, die sich sonst zu Hause mit allen möglichen Ausreden vor der Hausarbeit drückte. Sie krempelte unternehmungslustig ihre Ärmel hoch. „Vielleicht möchte sich deine Mama solange etwas hinlegen“, meinte sie leise und warf Sandras Mutter einen scheuen Seitenblick zu.

„Habt ihr denn ein Telefon Sandra? Ich muss kurz meine Mama anrufen und ihr sagen, dass ich später komme.“

Sandra führte sie in den Flur und deutete auf einen kleinen Tisch neben der Garderobe. Das Telefon war genauso schmutzig wie der Rest der Wohnung.  Katharina nahm den Hörer vorsichtig mit zwei Fingern, wählte und hielt ihn so, dass er nicht mit ihren Haaren in Berührung kam.

Sandra hatte in der Zwischenzeit ihre Mutter ins Schlafzimmer gebracht, ihr die Schuhe ausgezogen und sie mit der dünnen, schmutzigen Decke zugedeckt.

Katharina, Marian und Sandra arbeiteten ungefähr drei Stunden, bis die Wohnung so einigermaßen wieder in Ordnung war. Dann fragte Katharina: „Sandra, willst du denn nicht gleich mitkommen? Du hast ja nicht mal was zu essen.“

Verlegen schaut Sandra zu Boden. „Das ist lieb von dir Kathy, aber ich kann Mama doch jetzt nicht alleine lassen. Sie hat doch jetzt nur noch mich. Im Kühlschrank sind noch ein paar Eier. Damit werde ich Mama und mir Rührei machen. Das kann ich schon ganz gut. Morgen, nach der Schule wird Mama abgeholt. Dann komme ich gerne zu dir.“

„Okay“, sagte Katharina und schnappte sich ihren Mantel. „Also, bis morgen.“ Sie umarmte Sandra noch bevor sie und Marian gingen.

 

Kapitel 8

Am nächsten Tag packte Sandra, nachdem sie sich unter Tränen von ihrer Mutter verabschiedet hatte, ihre Tasche. Nachdem sie die Wohnungstüre sorgfältig abgeschlossen hatte, ging sie mit Katharina zu deren Haus.

Katharinas Mutter begrüßte sie sehr herzlich und sagte ihr, wie sehr sie sich freute, Sandra als Gast zu haben. Unter diesen Umständen fiel Sandra die Eingewöhnung sehr leicht und schon nach kurzer Zeit kam es ihr vor, als ob sie schon lange Zeit hier wohnen würde. Es war alles so sauber und aufgeräumt und am besten gefiel ihr, dass das ganze Haus herrlich duftete und nicht nach Müll stank.

Die Mädchen halfen Katharinas Mutter mit großer Begeisterung beim Backen des Weihnachtsstollens und des Früchtebrotes. Marian saß lächelnd auf der Eckbank und schaute ihnen zu.

Jetzt kann ich ja ganz beruhigt wieder zurück in den Himmel fliegen, dachte er froh. Katharinas größten Wunsch konnte ich ja helfen zu erfüllen. Sie braucht mich jetzt zum Glück nicht mehr so dringend und der Abschied fällt uns jetzt sicher leichter.

„He, ihr Zwei“, schimpfte Katharinas Mutter lächelnd, „wenn ihr weiterhin so viel vom Teig esst, dann hab ich nichts mehr für den Ofen. Außerdem wird euch bestimmt noch schlecht von dem vielen süßen Zeug.“

Katharina und Sandra schauten sich bloß an und fingen an zu kichern. Fröhlich ging der Nachmittag zu Ende und erst abends im Bett dachte Sandra wieder an ihre Mama. Sie wurde ganz traurig.

„Wie es Mama jetzt wohl geht?“, fragte sie leise und wischte sich eine Träne vom Gesicht.

„Mach dir keine Sorgen“, tröstete Katharina ihre Freundin, „dort, wo sie jetzt ist, wird ihr bestimmt geholfen und es wird ihr bestimmt bald besser gehen.

„Meinst du?“, zweifelte Sandra. „Ob wir sie wohl bald besuchen können?“

Katharina legte den Arm um Sandras magere Schultern. „Du hast doch gehört, die Pfleger gesagt haben. In der ersten Zeit darf sie keinen Besuch bekommen, damit sie sich ganz auf sich konzentrieren kann. Aber du wirst sehen, die Zeit geht ganz schnell vorbei.“

Als dann endlich am letzten Schultag die Glocke das Ende des Unterrichts anzeigte, stürmten die Kinder aus allen Klassen lachend und schreiend hinaus. Vor der Schule war bald eine lustige Schneeballschlacht im Gange. Auch Katharina, Sandra und natürlich Marian mischten kräftig mit. Ziemlich nass, aber fröhlich machten sich die drei anschließend auf den Heimweg.

Nach dem Mittagessen halfen sie Katharinas Vater beim Schmücken des Weihnachtsbaumes. Eifrig verzierten sie den Baum mit blauen und silbernen Kugeln, Girlanden, Engeln, elektrischen Kerzen und natürlich mit viel Lametta.

Als der Baum fertig war, standen sie mit leuchtenden Augen davor. Plötzlich stutzte Katharinas Vater. „Was ist denn mit der Spitze passiert?“, fragte er erstaunt und schaute kopfschüttelnd auf die Spitze des Baumes. Dort war statt der kunstvoll geformten Kugelspitze nun eine wunderschöne große Engelsfigur aufgesteckt.

„Ich hatte doch die blaue Kugelspitze angebracht. Wer hat das jetzt ausgetauscht? Und wo kommt überhaupt der Engel her?“

Katharina, die gesehen hatte, wie Marian die Spitzen ausgetauscht hatte, schwieg. Sie schaute sich den Engel genauer an und stellte fest, dass er aussah wie Marian. Es war, als lächelte er vom Baum auf sie herunter und Katharina wurde plötzlich schmerzhaft bewusst, dass der Abschied von Marian unweigerlich näher rückte. Sie wurde ganz traurig, denn sie hatte den kleinen Engel unheimlich liebgewonnen und hätte ihn, trotz ihrer neuen Freundich, liebend gerne behalten.

Sie wusste natürlich, dass das nicht ging und Marian wieder zurück in den Himmel musste. Naja, etwas leichter würde ihr der Abschied nun schon fallen, dachte sie, denn jetzt habe ich ja endlich eine beste Freundin.

 

Kapitel 9

Endlich war der Heilige Abend da. Um fünf Uhr stapften Katharina, Sandra und Marian mit Katharinas Eltern durch den hohen Schnee zur Kirche. Vom Himmel fielen große, weiche Schneeflocken und es war bitterkalt. Die Gesichter der Menschen, besonders die Nasen, färbten sich rot von der Kälte. Jeder Atemzug trieb kleine weiße Wölkchen aus den Mündern.

Die Kinderkirche gefiel Katharina und Sandra sehr, besonders natürlich das Krippenspiel. Sie sangen voller Begeisterung die Weihnachtslieder mit. Als die Kirche vorbei war, standen Menschen in Gruppen zusammen und tauschten Weihnachtswünsche aus, bevor dann alle wieder heim in die warmen Stuben eilten.

Bei jedem Schritt knirscht der Schnee unter den Füßen und die Eiskristalle glitzerten wie Diamanten. Alles wirkte so friedlich und still.

Zu Hause angekommen schickten Katharinas Eltern die beiden Mädchen in Katharinas Zimmer und dort mussten sie warten, bis unten das Glöckchen zur Bescherung rief.

Endlich war es soweit und die beiden Mädchen stürmten ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum strahlte mit ihren Gesichtern um die Wette. Unter dem Baum lagen viele, bunt eingepackte Päckchen. Da war für jeden etwas dabei, natürlich auch für Sandra. Katharinas Eltern hatten auch für sie Geschenke besorgt und Sandra freute sich sehr. Voller Spannung öffnete sie die bunten Päckchen. Sie hatte von Katharinas Eltern  eine neue Hose und einen wunderschönen roten Pullover bekommen, dazu noch zwei Bücher und jede Menge Süßigkeiten.

„Danke, vielen Dank“, stammelte sie von Freude überwältigt. „So viel habe ich schon lange nicht mehr bekommen.“

Die beiden Mädchen freuten sich sehr und warteten nun, bis auch Katharinas Eltern ihre Päckchen geöffnet hatten. Danach gab es Abendessen und Katharinas Mutter hatte eine Weihnachts-CD aufgelegt.

Nach dem Essen winkte Marian Katharina zu und zeigte ihr, mit ihm in Katharinas Zimmer zu kommen. Katharina wurde mit einem Mal ganz traurig. Der Abschied von Marian war gekommen.

In ihrem Zimmer gab sie Marian sein weißes Kleidchen, das er schnell überzog. Er umarmte Katharina herzlich und küsste sie auf die Wangen. „Es war wunderschön bei euch auf der Erde“, sagte er feierlich, „aber nun freue ich mich sehr, dass ich zu meinen Engelsfreunden zurückkehren kann.“

Katharina begann zu weinen. „Ach, Marian“, schluchzte sie, „ich will nicht dass du gehst.“

„Sei nicht traurig“, tröstete sie Marian, „dein größter Herzenswunsch ist doch nun in Erfüllung gegangen und ich lass dich doch nun nicht alleine zurück. Du hast nun eine Freundin, mit der du wirklich durch dick und dünn gehen kannst.“

Er ging langsam zum Fenster und öffnete es weit. Die kalte Nachtluft drang herein und Katharina fröstelte, während weiter Tränen aus ihren Augen liefen.

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„Kleine Katharina“, sagte Marian zärtlich, „ich habe dich so liebgewonnen und ich werde auch in Zukunft auf dich aufpassen. Ich bin ab jetzt dein Schutzengel und wenn du nachts in den Himmel schaust, werde ich als hellster Stern für dich leuchten. Dann weißt du, dass ich da bin.“

Er umarmte sie noch einmal liebevoll und dann schwebte er zum Fenster hinaus. Katharina schaute ihm nach und winkte, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Dann schloss sie das Fenster, wischte sich die Tränen vom Gesicht und ging wieder hinunter ins Wohnzimmer. Sandra wartete schon ungeduldig auf sie.

„Wo warst du denn solange“, fragte Sandra und schaute Katharina forschend ins Gesicht. „Hast du etwa geweint? Stimmt was nicht?“, fragte sie dann besorgt.

„Nein, nein, alles in Ordnung“, lächelte Katharina unter Tränen. „Ich habe geweint, weil ich so glücklich bin, dass ich dich gefunden habe.“

„Da musst du doch nicht weinen“, lachte Sandra fröhlich, „da musst du doch lachen. Hast du vielleicht etwas verwechselt?“

 

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