Marian, der kleine Engel (Kapitel 1)

  • Posted on Oktober 4, 2014 at 19:11

Eine Geschichte für Kinder und Eltern

 

Diese Geschichte habe ich für meine Tochter geschrieben als es ihr nicht so gut ging.

Marian, der kleine Engel

Kapitel 1

„Autsch! Oh weh! Oh…, oh…! Au!“ Der kleine Engel Marian lag in einem tiefen Schneehaufen, in den er geradewegs vom Himmel gefallen war.

Marian, der erst kurze Zeit ein Engel war, hatte seine Flügel noch nicht richtig unter Kontrolle. Das Fliegen war gar nicht so einfach – eigentlich war es sogar ziemlich schwierig. Man musste beide Flügel genau gleich bewegen, damit man nicht das Gleichgewicht verlor. Auch durfte man nicht zu wild mit ihnen schlagen, natürlich auch nicht zu wenig, weil man sonst, wie es Marian passiert war, abstürzte.

Doch, das Zuviel oder Zuwenig war nicht das einzige Problem das Marian hatte. Nein, auch sein Heiligenschein rutschte ihm immer wieder über die Augen, so dass er nichts mehr sehen konnte. Während er versucht hatte ihn wieder richtig aufzusetzen, konnte er natürlich nicht richtig auf seine Flügel achten – und schon war es passiert.

Vorsichtig betastete Marian seinen Körper und stellte zu seiner Erleichterung fest, dass alles in Ordnung war. Der Schnee hatte ihn weich aufgefangen. Als er aber versuchte seine Flügel zu bewegen, schrie er vor Schmerz laut auf.

Die Flügel taten im ziemlich weh. Marian erschrak fürchterlich. Wie um Himmels Willen sollte er denn nun jetzt wieder in den Himmel kommen? Hilflos lag er in dem hohen Schneehaufen und versuchte immer wieder, ob er nicht doch fliegen konnte. Doch bei jeder Bewegung seiner Flügel schrie er wieder vor Schmerz auf. Schließlich gab er es auf und begann bitterlich zu weinen. Erst leise, dann immer lauter…..

Mittlerweile war die Dämmerung hereingebrochen und am Himmel leuchteten die ersten Sterne. Auch der Mond stieg höher und es wurde immer kälter. Marian war schon ganz steif gefroren. Es hatte wieder zu schneien begonnen und dicke, weiße Schneeflocken fielen vom Himmel und drohten Marian völlig einzuschneien. Sein blonder Lockenkopf war schon ganz weiß, sein dünnes weißes Kleidchen nass und seine nackten Füße waren blau gefroren.

„Tschüss Omi“, sagte Katharina fröhlich, „und grüß mir den Opa schön!“

„Komm, Kind, ich begleite dich ein Stück. Es ist ja schon fast ganz dunkel“, meinte Katharinas Oma besorgt.

„Aber Omi, ich bin doch kein Baby mehr. Ich bin doch schon elf Jahre alt. Außerdem ist es doch nicht weit“, sagte Katharina selbstbewusst und machte sich auf den Heimweg.

Fröhlich hüpfte sie durch den weichen Schnee. „Juchhuuu, bald ist Weihnachten“, sang sie vor sich hin. Sie freute sich schon riesig. Noch eine Woche und dann war es endlich soweit. Heute war Freitag und nach dem Wochenende musste sie nur noch vier Tage in die Schule und dann hatte sie endlich Ferien.

Katharina hob ihr Gesicht den Schneeflocken entgegen und freute sich, wenn die dicken Flocken sie im Gesicht kitzelten. Wie schön jetzt alles war. Die Häuser sahen aus, als ob sie dick mit Puderzucker bestreut waren und sogar die sonst kahlen, dunklen Bäume glitzerten mit den Sternen um die Wette.

Hinter vielen Fenstern waren Figuren aus vielen kleinen Lämpchen. Da gab es Rentiere, Schweifsterne, Tannenbäume, Nikoläuse und noch vieles mehr. Katharina konnte sich gar nicht daran sattsehen. Am Schönsten aber war der riesengroße Tannenbaum, der auf dem Rathausplatz aufgestellt war. Er war mit unzähligen Kerzen und Kugeln geschmückt. Katharina blieb eine ganze Weile vor ihm stehen und schaut ihn andächtig an. Es war alles wie in einem Wintermärchen.

Irgendwann begann sie aber zu frieren und ging weiter. Als sie nur noch ein paar Meter von ihrem Haus entfernt war, hörte sie plötzlich ein leises Wimmern. Katharina blieb stehen und schaute sich suchend um, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen. Sie zuckte die Schultern und ging weiter.  Doch sie war kaum ein paar Schritte gelaufen, da hörte sie es wieder. Diesmal viel lauter und deutlicher. Sie blieb wieder stehen und versuchte mit ihren Augen die Dunkelheit zu durchdringen. Sie konnte aber auch diesmal nichts entdecken.

„Das gibt’s doch nicht“, murmelte sie in ihren dicken Schal. Vielleicht ist es ja ein kleines Kätzchen, dachte Sie und rief leise: „Hallo, Miez, Miez, wo bist du?“ Sie versuchte das Kätzchen anzulocken. Vielleicht hatte es ja seine Mutter verloren und brauchte Hilfe.

„Hier! Hier bin ich! Hilfe!“, hörte sie da eine zarte, helle Stimme rufen.

„Hallo! Wer ist da? Ich kann nichts sehen“, rief Katharina aufgeregt und drehte sich suchend im Kreis.

„Hier bin ich, direkt neben dir. In dem Schneehaufen“, antwortete die Stimme. „Bitte, hilf mir doch!“

Katharina beugte sich über den Schneehaufen und glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie die kleine Gestalt im Schnee liegen sah. „Was machst du denn da?“, fragte sie überrascht.

„Ich bin vom Himmel gefallen“, erklärte Marian. „Ich habe mir meine Flügel verletzt und kann nicht mehr fliegen.“

„Vom Himmel gefallen“, wiederholte Katharina  ungläubig. „Du meinst, du bist ein Engel?“

„Was denn sonst!“, sagte Marian ungeduldig. „Siehst du denn nicht meine Flügel?“

Katharina beugte sich noch weiter herunter und dann sah sie an der Seite einen kleinen Flügel hervorschauen. „Das glaub ich jetzt aber nicht“, rief sie überrascht. „Engel liegen doch nicht auf der Straße in einem Schneehaufen. Die sind doch im Himmel.“

„Nicht , wenn sie heruntergefallen sind“, sagte Marian trocken. „Jetzt steh doch nicht so blöd rum! Hilf mir lieber, bevor ich ganz erfroren bin“, fuhr er sie ungeduldig an. „Aber gib acht auf meine Flügel, die tun ziemlich weh“, fügte er hinzu.

Katharina packte Marian an seinen Händen und zog.

„Au, bist du verrückt!“, schrie Marian da auf.

Erschrocken ließ Katharina ihn wieder los und Marian plumpste unsanft zurück in den Schnee, was einen erneuten Schmerzensschrei auslöste. Katharina fasste noch einmal zu und zog, aber diesmal ganz langsam und vorsichtig. Endlich war es geschafft und Marian stand auf seinen stämmigen Beinchen. Er zitterte wie Espenlaub.

„Mensch“, entfuhr es Katharina, „du hast ja gar keine Schuhe an und einen Mantel hast du auch nicht.“

„Engel tragen normalerweise keine Schuhe und Mäntel“, erklärte Marian und zitterte noch mehr. Schnell zog Katharina ihre Jacke und ihren Schal aus und wollte beides dem kleinen Engel über die Schulter hängen, was allerdings wegen der Flügel nicht gelang.

Marian versuchte vorsichtig seine Flügel zusammenzufalten, schaffte es aber nicht alleine. „Komm, hilf mir“, sagte er zu Katharina. „Aber bitte ganz vorsichtig“, fügte er ängstlich hinzu.

Endlich war es geschafft und Katharina konnte ihm nun den Mantel und den Schal überhängen.

„Besser so?“, frage sie. „Sag, hast du denn einen Namen kleiner Engel?“

„Dumme Frage! Natürlich habe ich einen Namen. Ich heiße Marian – genauer gesagt, Marian der Erste.“

„Den Namen hab ich noch nie gehört, klingt aber hübsch. Willst du nicht mit mir nach Hause gehen, Marian?  In den Himmel zurückfliegen kannst du ja nicht?“

Katharina nahm Marians Hand und zog ihn einfach mit sich. „Meine Eltern werden aber Augen machen, wenn ich ein paar Tage vor Weihnachten mit einem echten Engel nach Hause komme.“ Sie lachte.

„Da muss ich dich jetzt aber enttäuschen“, sagte Marian. „Es kann mich außer dir niemand sehen. Du siehst mich auch bloß, weil ich deine Hilfe brauche und du mir auch geholfen hast.“

„Ist ja cool“, freute sich Katharina. „Dann habe ich ja jetzt einen Freund für mich ganz alleine.“

Sie waren zu Hause angekommen und Katharina drückte auf die Klingel. Ihre Mutter öffnete und Katharina zog Marian mit in den Hausflur.

„Zieh bitte gleich deine nassen Schuhe aus. Dann wasch dir die Hände und komm zum Abendessen“, sagte ihre Mutter und verschwand wieder in der Küche. Gleich darauf streckte sie den Kopf wieder zur Türe heraus. „Sag mal Kathi, hattest du keinen Mantel und keinen Schal an?“, fragte sie aufgebracht.

Katharina schaute sie unschuldig an. „Natürlich hatte ich Mantel und Schal an.“ Sie hängte beides demonstrativ ordentlich an die Garderobe. Kopfschüttelnd verschwand ihre Mutter wieder in der Küche. „Und ich war mir ganz sicher, dass sie keinen….“, hörte man sie murmeln.

Katharina kicherte. „Ist ja echt cool. Solange du meinen Mantel und meinen Schal anhattest, konnte Mama beides auch nicht sehen.“ Sie nahm Marians Hand und zog ihn eilig zur Treppe. „Schnell, komm mit. Ich bring dich in mein Zimmer. Dort kannst du dich abtrocknen und dich dann in mein Bett unter die warme Decke legen.“

„Kathi, mit wem redest du da eigentlich“, rief ihre Mutter aus der Küche.

Katharina hielt es für klüger darauf nicht zu antworten und rannte jetzt schnell mit Marian die Treppe hinauf und hinein in ihr Zimmer. „Wart mal“, sagte sie, „ich geh schnell ins Bad und hol dir ein Handtuch.“

Gleich darauf kam sie wieder zurück und hielt ein großes Badetuch in ihren Händen. Damit rubbelte sie den kleinen Engel vorsichtig trocken, nachdem sie ihm aus seinem nassen Kleidchen geholfen hatte und es zum Trocknen über die Heizung gehängt hatte. Sie öffnete ihren Schrank und gab Marian einen Schlafanzug von sich. „Zieh den an, damit du dich nicht erkältest.“

„Kathi, komm endlich zum Abendessen“, rief ihre Mutter von unten.

„Ich komme sofort! Ich geh nur noch schnell aufs Klo“, antwortete Kathi und half Marian sich in ihr Bett zu legen. Das war allerdings gar nicht so einfach. Seine Flügel taten ihm so weh und er konnte nur auf dem Bauch liegen. Kathi deckte ihn liebevoll zu und stopfte die Decke von allen Seiten gut fest.

„Ist dir schon wärmer, Marian?“, fragte sie besorgt.

„Göttlich, einfach göttlich“, seufzte Marian und gähnte ausgiebig. „Ich bin sooooo müde.“Er schloss seine Augen.

Katharina rannte aus dem Zimmer, drehte sich aber noch einmal um. „Marian, hast du Hunger? Soll ich dir was mitbringen?“

„Oh, ja, bitte bring ganz viel Manna und Honigblütennektar. Ich sterbe vor Hunger.“

Katharina sah ihn verständnislos an. „Was soll ich bringen?“

„Manna und Honigblütennektar“, wiederholte Marian geduldig.

„Aber…, aber so was gibt’s bei uns nicht“, stotterte Katharina verlegen.

„Marian setzte sich auf. „Wie, das gibt es bei euch nicht?“, fragte er erstaunt.

„Bei uns gibt es bloß Brot, Wurst und Käse oder Nutella oder Honig und Apfel- oder Orangensaft“, erklärte ihm Katharina.

„Was ist das denn? Kann man das essen?“

„Ja, und es schmeckt wirklich prima. Weißt du was? Ich bring dir einfach mal von allem etwas und dann probierst du, ob es dir schmeckt.“

„Okay.“ Marian legte sich vorsichtig wieder hin.

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