Marian, der kleine Engel (Kapitel 7)

  • Posted on Oktober 5, 2014 at 2:24

Fortsetzung von Marian, der kleine Engel

Kapitel 7

Am nächsten Tag, am Dienstagmorgen machten sich Katharina und Marian schon etwas früher auf den Weg zur Schule, denn Katharina konnte es gar nicht erwarten Sandra zu erzählen, was sie vorhatte. Sie wollte es unbedingt noch vor Unterrichtsbeginn erledigen.

Ungeduldig warteten die beiden vor der Schule, bis Sandra kam. Endlich bog sie um die Ecke. Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern kam sie direkt auf Katharina zu.

„Hallo ‚Sandra“, rief Katharina fröhlich, „ich habe eine Überraschung für dich.“

Verwundert schaut Sandra auf. „Was ist es denn?“, fragte sie mit trauriger Stimme.

„Wenn deine Eltern es erlauben, dann darfst du solange zu uns ziehen,  bis deine Mama wieder gesund ist und das mit deinen Eltern geklärt ist. Wir können dann zusammen Weihnachten feiern. Du kannst bei mir in meinem Zimmer schlafen und wir können reden, Spiele machen oder uns Witze erzählen. Das wird bestimmt irre lustig.“

Ungläubig fragte Sandra: „Ist das wirklich wahr? Sind denn deine Eltern damit einverstanden?“

„Ja, ich hab sie schon gefragt. Sie würden sich sehr freuen, wenn du zu uns kommst. Wir würden dann auch zusammen mit meinen Eltern deine Mutter ab um zu besuchen.“

Sandra wurde vor Freude ganz rot im Gesicht. „Also, ich glaub meine Mutter wird schon einverstanden sein“, sagte sie begeistert, „sie weiß ja, dass ich nicht zu dieser ollen Tante gehen mag. Bestimmt ist sie sogar froh darüber.“

Katharina sah, wie Marian lächelte und sie hakte sich bei Sandra unter. Zusammen gingen sie ins Klassenzimmer. Marian setzte sich wieder auf Katharinas Tisch und half ihr fleißig, indem er ihr vorsagte, wenn die Lehrerin etwas fragte und sie es nicht wusste.

 

Endlich war auch dieser vorletzte Schultag zu Ende. Katharina schlug Sandra vor sie nach Hause zu begleiten um gleich deren Mutter zu fragen, ob sie mit der Lösung einverstanden war. Doch Sandra wollte zuerst nicht, gab aber schl8ießlich dem Drängen von Katharina nach.

Katharina erschrak fast, als Sandras Mutter die Tür öffnete. Ihr Gesicht war von einer wächsernen Blässe, ihre Wangen waren eingefallen und ihr Gang war schleppend, wie der einer alten Frau. Sie schlurfte vor den Kindern her in die Küche und ließ sich dort auf einen Stuhl fallen. Teilnahmslos starrte sie ins Leere.

Katharina schaute sich in der Küche um und was sie sah, war ein heilloses Chaos. In der Spüle stapelte sich haufenweise ungewaschenes Geschirr und dreckige Töpfe. Der Boden war übersät mit Krümeln und Flecken. Er müsste dringend gekehrt und gewischt werden. Die Tapeten waren gelb vom Tabakrauch und in einer Ecke der Küche standen mehrere übervolle Mülltüten, die einen sehr unangenehmen Geruch verbreiteten. Überall standen leere Flaschen herum. Als Katharina die Etiketten genauer anschaute, stellte sie fest, dass fast alles leere Schnapsflaschen waren.

Arme Sandra, dachte sie mitleidig, was musste sie in der letzten Zeit ausgehalten haben mit einer alkoholkranken Mutter. Jetzt begriff Katharina auch, warum Sandras Vater gegangen war.

„Mama“, sagte Sandra leise, „Katharina und ihre Eltern haben mich eingeladen solange bei ihnen zu wohnen, bis du wieder ganz gesund bist. Erlaubst du es?“

Sandras Mutter richtete ihren leeren Blick auf ihre Tochter. „Vo0n mir aus“, sagte sich gleichgültig und wandte den Blick wieder ab.

„Du musst entschuldigen Kathy“, sagte Sandra leise, „ich meine, dass es hier so aussieht. Ich bin noch nicht zum Spülen und aufräumen gekommen.“

„Musst denn du das alles machen?“, fragte Katharina.

„Ja“, sagte Sandra, „wer sollte es sonst machen. Mama kann ja nicht.“

„Sollen wir schnell zusammen aufräumen und saubermachen?“, fragte Katharina und schaut dabei Marian fragend an. Der nickte bestätigend.

„Das würdest du wirklich tun?“, fragte Sandra überrascht.

„Klar“, sagte Katharina, die sich sonst zu Hause mit allen möglichen Ausreden vor der Hausarbeit drückte. Sie krempelte unternehmungslustig ihre Ärmel hoch. „Vielleicht möchte sich deine Mama solange etwas hinlegen“, meinte sie leise und warf Sandras Mutter einen scheuen Seitenblick zu.

„Habt ihr denn ein Telefon Sandra? Ich muss kurz meine Mama anrufen und ihr sagen, dass ich später komme.“

Sandra führte sie in den Flur und deutete auf einen kleinen Tisch neben der Garderobe. Das Telefon war genauso schmutzig wie der Rest der Wohnung.  Katharina nahm den Hörer vorsichtig mit zwei Fingern, wählte und hielt ihn so, dass er nicht mit ihren Haaren in Berührung kam.

Sandra hatte in der Zwischenzeit ihre Mutter ins Schlafzimmer gebracht, ihr die Schuhe ausgezogen und sie mit der dünnen, schmutzigen Decke zugedeckt.

Katharina, Marian und Sandra arbeiteten ungefähr drei Stunden, bis die Wohnung so einigermaßen wieder in Ordnung war. Dann fragte Katharina: „Sandra, willst du denn nicht gleich mitkommen? Du hast ja nicht mal was zu essen.“

Verlegen schaut Sandra zu Boden. „Das ist lieb von dir Kathy, aber ich kann Mama doch jetzt nicht alleine lassen. Sie hat doch jetzt nur noch mich. Im Kühlschrank sind noch ein paar Eier. Damit werde ich Mama und mir Rührei machen. Das kann ich schon ganz gut. Morgen, nach der Schule wird Mama abgeholt. Dann komme ich gerne zu dir.“

„Okay“, sagte Katharina und schnappte sich ihren Mantel. „Also, bis morgen.“ Sie umarmte Sandra noch bevor sie und Marian gingen.

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