Marian, der kleine Engel (Kapitel 5)

  • Posted on Oktober 5, 2014 at 1:02

Fortsetzung von Marian, der kleine Engel

 

Kapitel 5

 

Am Montagmorgen waren Katharina und Marian schon lange bevor der Wecker klingelte wach. Beide waren aufgeregt. Katharina, weil sie einerseits Angst vor der Rache der Jungs hatte, aber andererseits freute, dass ihr Freund mit ihr zur Schule gehen würde.

Marian war aufgeregt, weil es sein erster Schultag war und er sich schon riesig darauf freute.

Nach dem Frühstück stapften die beiden Hand in Hand durch den weichen Schnee. Katharina strahlte über ihr ganzes Gesichtchen. Endlich war sie nicht mehr alleine und plötzlich fühlte sie sich unheimlich stark. Sie hütete sich auch davor darüber nachzudenken, dass Marian ja nicht für immer bei ihr bleiben konnte. Sie wünschte aber, dass es so wäre.

Als Katharina das Klassenzimmer betrat, warfen ihr die Jungs bitterböse Blicke zu. Sie tat aber, als ob sie es nicht bemerkte und ging zu ihrem Platz. Es waren alles Zweiertische, drei Stück nebeneinander.

Der Stuhl neben Katharina war frei und so setzte sich Marian darauf. Erwartungsvoll sah er sich in der Klasse um. Was war das für ein Gekicher und Geschnatter. Alle Kinder redeten aufgeregt durcheinander.

„Was macht ihr an Weihnachten, Anna?“, rief ein blondes Mädchen in einem roten Kleid.

„Ich gehe mit meinen Eltern zu Skifahren. Mein Papa wird es mir beibringen. Und zu Weihnachten bekomme ich nagelneue Ski und einen tollen roten Schneeanzug“, trumpfte Anna auf.

Fast alle Gespräche drehten sich um das bevorstehende Weihnachtsfest und die zu erwartenden Geschenke.

Marian hörte aufmerksam zu, soweit das bei dem Getöse möglich war.

„Marian“, flüsterte Katharina, „glaubst du, die Jungs werden mir etwas tun?“

„Nein“, flüsterte Marian zurück, „ich glaube die sind alle zu sehr mit Weihnachten beschäftigt. Aber, sag Katharina, sitzt du immer alleine?”

„Ja“, antwortete Katharina einsilbig.

Marian schaut sich wieder in der Klasse um und da fiel sein Blick auf ein Mädchen in der letzten Reihe, das genau wie Katharina allein in seiner Bank saß. Das Mädchen war sehr ball und hatten den Blick zu Boden gesenkt.

Marian stand auf und huschte zu ihr hin. Er sah, dass ihr dicke Tränen über die Wangen kullerten, die sie immer wieder verstohlen abwischte. Es war ein jammervoller Anblick und Marian hätte sie gerne getröstet. Er ging wieder zurück zu Katharina und stupste sie leicht an.

„He, Kathy, wer ist das Mädchen in der letzten Reihe, die da auch so alleine sitzt wie du?“, fragte er.

Katharina drehte sich kurz um und sagte dann leichthin: „Ach die. Das ist die Sandra.“

„Was ist mit ihr los“, fragte Marian. „Warum weint sie?“

„Keine Ahnung, die hängt schon seit Wochen so rum“, sagte Katharina und schaute wieder sehnsüchtig dem fröhlichen Treiben der Anderen zu. Wie gerne hätte sie da auch mitgemischt, doch man wollte sie ja nicht.

„Hast du sie mal gefragt, warum sie so traurig ist?“, ließ Marian nicht locker.

„Nein.“

„Und warum nicht? Ich dachte du suchst eine Freundin?“, bohrte Marian weiter.

Jetzt schaut Katharina ihn erstaunt an. „Was hat denn das mit der Sandra zu tun?“

„Na, ist doch klar. Sie scheint genauso alleine zu sein wie du. Was läge denn da näher, als wenn ihr euch zusammen tun würdet?“

„Meinst du wirklich?“, fragte Katharina zweifelnd.

„Ganz bestimmt. Jetzt geh hin und frag sie, ob du ihr helfen kannst“, sagte Marian bestimmt.

Zögernd und immer noch voller Zweifel stand Katharina auf und ging langsam nach hinten. Nach halber Strecke drehte sie sich noch einmal zu Marian um, der ihr aufmunternd zunickte und so ging sie weiter.

Sie setzte sich stumm neben Sandra und als sie sah, dass diese wirklich weinte, wurde sie ganz verlegen und wusste nicht, was sie nun tun sollte. Doch schon naht Hilfe in Form von Marian. Der hatte sich auf den Tisch gesetzt und strich Sandra sanft über die Haare.

Sandra, die natürlich dacht, dass es Katharina war, die ihr über den Kopf gestrichten hatte, hob den Kopf und schaut sie mit tränennassen Augen an. Doch bevor eine von Beiden etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür und der Lehrer betrat den Raum.

Schnell rannten die anderen Kinder auf ihre Plätze und sekundenschnell war es mucksmäuschenstill im Klassenzimmer.

Katharina nahm unter der Bank Sandras Hand und drückte sie nur aufmunternd. Sie konnte jetzt ja nicht mehr reden. Sie hielt Sandras Hand während der ganzen Stunde und Sandra schaut immer wieder verwundert zu Katharina.

Endlich war die Stunde um und der Lehrer verließ das Klassenzimmer. Kaum war er draußen ging das Geschnatter wieder los.

„Sandra, magst du vielleicht nachher in der großen Pause mit mir herumlaufen? Sollen wir reden?“, fragte Katharina und Sandra nickte unter Tränen.

Endlich war auch diese Stunde herum und Katharina ging mit Sandra in den Pausenhof. Dort suchten sie sich ein ruhiges Eckchen, wo sie sich ungestört unterhalten konnten. Natürlich war auch Marian dabei, doch das wusste nur Katharina, da Sandra ihn ja nicht sehen konnte.

„Was ist los mit dir? Warum hast du vorher geweint?“, fragte Katharina leise voller Mitgefühl.

Sandra schaut wieder zu Boden und dann sprudelte es aus ihr heraus: „Mein Papa ist gestern ausgezogen, meine Mama ist krank und muss für längere Zeit in eine Klinik. Und ich muss übermorgen zu meiner Tante. Die mag ich aber gar nicht und dort muss ich bleiben, bis meine Mama wieder gesund ist.“ Wieder liefen dicke Tränen aus ihren Augen.

„Oh, das tut mir aber leid“, sagte Katharina betroffen. „Was hat deine Mama denn?“

„Ich weiß nicht so genau“, antwortete Sandra unter Tränen, „sie sagen sie hätte was mit der Psyche. Irgendwie so Angst vor vielen Sachen. So ganz glaube ich das aber nicht. Sie trinkt sehr viel Alkohol, dann ist sie immer so komisch. Manchmal schlägt sie mich dann auch.“

„Und was ist mit deinem Vater? Warum ist er ausgezogen?“

„Weil…, weil..“, schluchzte Sandra, „weil er es nicht mehr aushält.., das mit Mama, sagt er. Er kommt erst wieder zurück, hat er gesagt, wenn sie von der Flasche weg wäre.“

Katharina wusste nicht, was sie dazu sagen sollte und so schwieg sie und legte nur den Arm um Sandra. Schade, dass sie nun nicht mit Marian reden konnte. Leider ging das ja nicht im Beisein von anderen.

Aber nachher, nahm sie sich vor, werde ich ihn fragen, was ich tun soll.

Sie glaubte fest, dass er helfen konnte. Schließlich war er immerhin ein Engel. Zaubern konnte er zwar nicht, aber ihm würde sicher etwas einfallen. Es klingelte und die Pause war zu Ende.

„Komm Sandra“, sagte Katharina tröstend, „es wird bestimmt wieder alles gut. Vielleicht fällt mir ja eine Lösung ein wie man dir helfen kann. Ich wird darüber nachdenken.“

Nachdenklich schaute Sandra Katharina an und schüttelte dann leicht den Kopf. „Danke Kathy, das ist sehr lieb von dir. Doch helfen kannst du mir da nicht. Da kann keiner helfen.“

Sie umarmte Katharina kurz und meinte dann: „Warum hab ich bloß nie gemerkt, wie nett du bist. Alle sind immer so gemein zu dir und ich hab auch immer einfach mitgemacht. Es tut mir so leid Kathy.“

„Schon gut“, sagte Katharina verlegen. „Wer weiß, vielleicht, wenn ich dünn wäre… ob ich dann eine dicke Freundin haben wollte, weiß ich ja auch nicht.“

Jetzt standen Tränen in Katharinas Augen und sie wandte schnell den Kopf ab. Aber nicht schnell genug, denn Sandra hatte es schon bemerkt.

„Du bist doch nicht dick“, sagte sie bestimmt, „höchstens etwas mollig und sehr hübsch. Aber ich weiß jetzt auch, dass das in Freundschaften keine Rolle spielt.“ Sie deutete auf ihr Herz und fuhr fort: „Was da drinnen ist, ist viel, viel wichtiger.“

Sie waren im Klassenzimmer angekommen. Katharina setzte sich wieder wie selbstverständlich neben Sandra und blieb dort für den Rest der Schulstunden.

Als die Schule aus war, hatte sie es sehr eilig von der Schule wegzukommen. Marian konnte kaum mit ihr Schritthalten.

„Warum rennst du denn so“, fragte er völlig außer Puste.

„Weil ich weg will von den anderen, damit wir reden können.“

„Aber wir können doch schon jetzt reden“, sage Marian erstaunt.

„Ja, aber wenn die anderen es sehen, denken die doch ich rede mit mir selber. Dann glauben die noch ich bin völlig übergeschnappt.“

Jetzt musste Marian lachen. „Na und?“, lachte er herzlich, „kümmert`s dich denn?“

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