Marian, der kleine Engel (Kapitel 4)

  • Posted on Oktober 4, 2014 at 19:40

Fortsetzung von Marian, der kleine Engel

Kapitel 4

Am nächsten Morgen wachten Kathi und Marian schon um neun Uhr auf. Da Kathis Eltern noch schliefen, schlichen sie leise hinunter in die Küche und beschlossen Frühstück zu machen, um die Eltern zu überraschen. Doch bevor sie damit anfingen, zeigte Kathi Marian noch ihren großen Adventskalender. Hinter jedem Türchen befand sich ein Bildchen und eine Schokoladenfigur. Marian, der das nicht kannte, wollte wissen, was es damit auf sich habe.

„Das sind vierundzwanzig Türchen und man darf jeden Tag nur eines aufmachen“, erklärte Kathi ihm. „Wenn man dann das Letzte geöffnet hat, ist Heilig Abend. Heute darf ich schon das 19. Türchen öffnen.“ Sie fuhr vorsichtig mit ihrem Fingernagel hinein und zog das Türchen auf. Heute war ein kleiner Schokoladenchristbaum darin und dahinter ein buntes Bild von einem wunderschön geschmückten Christbaum.

„Marian schaut ihr fasziniert zu. „Das ist ja klasse. Darf ich auch mal?“, fragte er und hüpfte vor Begeisterung auf und ab.

„Aber Marian“, sagte Kathi, „ich hab dir doch eben erklärt, dass man jeden Tag nur ein Türchen öffnen darf.“

„Dann will ich auch sowas!“

Kathi lachte und streckte ihm gutmütig den Schokoladenchristbaum hin. „Da, nimm du ihn. Ich schenk ihn dir und ab morgen, ich verspreche es dir, darfst du die Türchen aufmachen. Okay?“

Marian strahlte über das ganze Gesicht und umarmte sie herzlich. „Du bist klasse, meine aller, aller beste Menschenfreundin.“

Kathi befreite sich lachend aus seiner Umarmung. „Komm, jetzt machen wir Frühstück bevor meine Eltern aufwachen. Du kannst Kaffee machen.“ Sie erklärte ihm, wie er die Kaffeemaschine bedienen musste und ging dann zum Kühlschrank. Sie holte eine Eierschachtel heraus, legte vier Eier in den Eierkocher und schaltete ihn ein.

Danach deckten sie schnell den Tisch, stellten Marmelade, Honig und Butter dazu und legten die Brötchen auf den Toaster. Sie waren gerade fertig, als ihre Mutter den Kopf zur Tür hereinsteckte. „Guten Morgen, mein Schatz“, sagte sie und gab ihrer Tochter einen Kuss. „Oh, du hast schon Frühstück gemacht? Du, das finde ich aber toll.“ Sie setzte sich auf den Küchenstuhl und Kathi goss ihr Kaffee ein, bevor sie dann noch schnell die Eier auf den Tisch stellte.

Ihre Mutter nahm sich Zucker und Milch und rührte ihren Kaffee um. Verwundert schaute sie in ihre Tasse. Der Kaffee blieb trotz der Dosenmilch kohlrabenschwarz. Sie schüttete noch mehr Milch hinein, doch auch jetzt wurde der Kaffee kaum heller. Vorsichtig probierte sie ihn. Der Kaffee war so stark, dass beinahe der Löffel darin stecken blieb. „Kathi, wie viel Kaffeepulver hast du genommen?“, fragte sie und stand auf, um im Wasserkocher Wasser heiß zu machen.

„Schmeckt er nicht?“, fragte Kathi, „ich habe genau so viel  genommen wie immer.“

„Komisch“, sagte ihre Mutter, „er ist heute furchtbar stark. Na, macht nichts, dann gieße ich halt noch etwas heißes Wasser dazu.“

Kurz darauf erschien Kathis Vater in der Küche. „Hm, wie gut das hier riecht, einfach köstlich“, rief er. „Ich habe einen Bärenhunger.“

Die Mutter  goss Kaffee in eine Tasse und stellte sie vor ihren Mann hin. Er nahm sich ein Brötchen und strich Butter darauf. „Kann ich bitte den Honig haben?“ Gleich darauf biss er so herzhaft in das Brötchen, dass die Krümel  auf dem ganzen Tisch herum flogen.

Kathi strich sich schon das zweite Brötchen, denn das Erste hatte sie Marian gegeben, dem es offensichtlich sehr gut schmeckte. Er hatte bereits beide Hälften aufgegessen und nahm Kathi schon das nächste aus der Hand. Kleine Engel haben ja einen riesigen Appetit, dachte Kati und nahm sich noch ein Brötchen.

Plötzlich fing ihr Vater an zu prusten. Er schüttelte sich. „Was ist das denn?“, fragte er empört. „Das kann man ja nicht trinken.“ Er stellte die Kaffeetasse zurück auf den Tisch. Angewidert schaute er den Kaffee an. „Marianne, hast du das ganze Paket Kaffeepulver hineingeschüttet?“, fragte er.

Kathis Mutter lachte. „Nein, den Kaffee hat Kathi gemacht und sie hat wohl ein wenig zu viel Kaffee erwischt.“

„Ein wenig?“, sagte ihr Vater, „da kriegt man ja einen Herzkasper davon.“

Kathis Mutter goss ihm noch heißes Wasser in die Tasse. „So, ich denke jetzt kriegst du keinen Herzkasper mehr, Franz.“

Nachdem sie alle gegessen hatten, räumte die Mutter den Tisch ab und Kathi stellte das Geschirr in die Spülmaschine. Ihr Vater schnappte sich die Sonntagszeitung und verzog sich damit auf die Toilette. Dort saß er oft mehr als eine Stunde und wenn er danach heraus kam, tat ihm immer sein ganzes Hinterteil weh. Kathi und ihre Mutter lachten ihn immer aus. Warum saß er auch solange auf so einem ungemütlichen Ort. Er war doch selbst schuld.

Kathis Mutter fing anschließend an zu kochen an und Kathi ging mit Marian zurück in ihr Zimmer. Sie setzten sich auf ihr Bett. Marian bewegte vorsichtig seine Flügel und stellte erfreut fest, dass sie schon viel weniger schmerzten. Sicher könnte er bald  wieder zurück in den Himmel fliegen.

„Tun sie noch arg weh?“, fragte Kathi, die ihn beobachtet hatte.

„Nein, ist schon viel besser.“

„Meinst du, du kannst schon wieder fliegen?“

„Nein, ich glaub nicht. Damit warte ich lieber noch ein paar Tage“, antwortete Marian, „so eilig hab ich es ja gar nicht wieder in den Himmel zu kommen. Eigentlich gefällt es mir hier sehr gut.“

Kathi strahlte. „Bin ich jetzt aber froh. Ich hab schon gedacht du fliegst bald weg.“ Sie rutschte ein wenig näher an Marian. „Es wär schon toll, wenn du für Immer bei mir bleiben würdest.“

„Das geht leider nicht“, sagte Marian und schaute ihr forschend ins Gesicht. „Sag mal, Kathi, was wünscht du dir den eigentlich zu Weihnachten?“

Plötzlich huschte ein Schatten über Kathis Gesicht und ihre Augen wurden ganz dunkel. Eine Zeitlang sagte sie gar nichts, doch Marian wartete geduldig. „Meinst du, was ich mir am meisten wünsche?“, fragte sie schließlich.

Marian nickte.

„Ich wünsche mir am liebsten eine beste Freundin für mich ganz alleine“, sagte Kathi dann leise.

„Hast du denn keine Freunde?“

„Nicht wirklich“, antwortete Kathi einsilbig.

„Warum nicht?“, bohrte Marian weiter.

Wieder sagte Kathi eine Weile nichts. Dann brach es aus ihr heraus. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die fast im selben Augenblick an ihren Wangen herunter kullerten. „Warum wohl“, sagte sie, „weil ich dick bin.“

Marian schaute sie überrascht an. „Dick?“, fragte er dann. „Du bist doch nicht dick! Wenn überhaupt, dann höchstens ein bisschen mollig, aber ich finde, dass es dir sehr gut steht“, versuchte Marian sie zu trösten.

Kathi lächelte unter Tränen. „Ehrlich?“, fragte sie ungläubig, „findest du das wirklich oder willst du mich nur trösten?“

„Nein, ganz, ganz ehrlich. Mein Engelehrenwort!“, sagte Marian und schaute sie ernst an. „Aber sag mal, warum mögen dich die Kinder deshalb nicht? Du bist doch so lieb und das Aussehen spielt dabei doch keine Rolle?“

Kathi holte ein Papiertaschentuch aus ihrer Nachttischschublade und schnäuzte sich kräftig die Nase. „Das sagst du! Ein Mädchen hat zu mir gesagt, dass sie mich nicht mag, weil ich dick bin. Das war die Clarissa und die ist mega dünn.“

„Mensch, das ist aber echt gemein. Aber sei  nicht traurig“, sagte Marian und umarmte seine Freundin herzlich, „vielleicht kann ich dir ja helfen, damit sich dein Herzenswunsch erfüllt.“

„Du?“, fragte Kathi überrascht, „kannst du denn zaubern?“

Marian musste lachen. „Nein, leider nicht, aber manchmal können Engel schon helfen. Denk nur an die Schutzengel. Die helfen ja auch den Menschen, indem sie sie vor Unfällen oder anderen Unglücken bewahren.“

„Das stimmt“, sagte Kathi eifrig, „meiner hat mich schon dreimal beschützt. Zweimal bin ich eine Treppe heruntergefallen und einmal wäre ich im Urlaub fast ertrunken.“

Sie unterhielten sich noch lange und Kathi erzählte Marian, dass sie schon von der ersten  Klasse an immer ausgelacht worden war und wie gemein die Kinder oft zur ihr waren. Dass sie bei Spielen nicht mitmachen durfte, selten auf einen Geburtstag eingeladen wurde und wie viel Angst sie oft vor der Schule hatte. Besonders vor dem Turnunterricht und dem Schwimmen. Denn da musste sie sich ausziehen und in dem Turndress und dem Badeanzug konnte man ja ihre Speckröllchen ganz genau sehen.

Während sie so redeten, merkten sie gar nicht wie die Zeit verging. Erst als Katharinas Mutter sie zum Essen rief, schaute sie auf die Uhr.

„Was, so spät ist es schon wieder?“, rief Katharina erstaunt. „Mit dir vergeht die Zeit so schnell, man merkt es kaum.“

Schnell gingen die beiden hinunter. Nach dem Essen wollten sie hinaus in den Schnee und Katharina gab Marian etwas Warmes zum Anziehen. Nachdem auch sie sich ihre schwarze Schneehose, den roten Anorak, ihre Fäustlinge und Schal und Mütze übergezogen hatte, rannten sie hinaus in den Schnee.

Draußen war es ziemlich kalt, aber die Sonne schien und der Himmel war strahlend blau. In der Nacht hatte es wieder geschneit und die Felder hinter dem Haus waren dick mit Schnee bedeckt. Der war so strahlend weiß, dass er in den Augen blendete. Es war eine herrliche unberührte Landschaft. Die Bäume am Rand der Felder trugen so schwer an der weißen Last, dass sich die Zweige tief neigten. Vom Hausdach hingen große, spitze Eiszapfen und der Rauch aus dem Kamin sah aus, wie eine weiße Fahne.

„Hast du Lust einen Schneemann zu bauen?“, fragte Katharina fröhlich. Endlich hatte auch sie jemanden zum Spielen.

„Auja, aber einen ganz Großen“, sagte Marian begeistert.

Zusammen rollten sie die erste Schneekugel, die das Unterteil des Schneemannes sein sollte. Sie rollten solange, bis sie die Kugel fas nicht mehr bewegen konnten, weil sie so groß und schwer war. Nachdem sie noch eine Zweite und Dritte Kugel gerollt hatten, wuchteten sie sie gemeinsam aufeinander. Endlich war es geschafft.

Schweratmend von der Anstrengung, aber stolz auf ihr Werk, standen sie vor dem Schneemann.

„Warte, Marian. Ich hole mir von Mama eine Karotte für die Nase und einen alten Hut von Papa“, sagte Katharina und rannte ins Haus. Kurz darauf kam sie wieder. in der Hand eine große Karotte und auf dem Ko0pf einen alten Hut von ihrem Vater.

„Kathy, der Schneemann hat ja gar keine Augen“, sagte Marian und schaute sie fragend an.

„Stimmt. Komm wir suchen ein paar Steine. Zwei für die Augen und noch ein paar als Knöpfe an seinem Bauch.“

Plötzlich hörten sie ein lautes Gegröle und fünf Jungs rannten auf die Felder, direkt auf den Schneemann zu. Sogleich begannen sie Schneebälle zu formen und bewarfen damit den Schneemann. Als erstes schossen sie ihm den Hut vom Kopf und freuten sich über jedes Loch, das ein Schneeball an dem Schneemann hinterließ.

Katharina und Marian, die gerade mit den Steinen zurückkamen, blieben stehen und schauten entsetzt zu. „Das sind Jungs aus meiner Klasse“, sagte Katharina. „Die sind immer so gemein.“

„Komm, denen werden wir es zeigen“, sagte Marian unternehmungslustig. „Wir werden sie mit Schneebällen vertreiben.“

„Marian, das hat keinen Sinn. Die sind in der Überzahl“, sagte Katharina traurig.

„Doch, zusammen schaffen wir das, glaub mir“, sagte er siegessicher und begann bereits Schneebälle zu formen.

In dem Moment drehte sich einer der Jungs um und deutete auf Katharina. „He, schaut mal her“, schrie er laut. „Da kommt ja die fette Katha.“

Schwupps, da traf ihn schon der erste Schneeball auf den Kopf. „Au, schrie er und da kam auch schon der Zweite geflogen und traf ihn diesmal an der Backe, die sofort knallrot wurde.

„Na, warte, dir werden wir es zeigen“, schrie er wütend. „Attacke marsch!“, trieb er seine Freunde an. Doch die rührten sich nicht, denn jeder von ihnen hatte in der Zwischenzeit auch schon schmerzhaft mit mehreren Schneebällen Bekanntschaft gmacht und sie zogen sich etwas zurück-.

Marian war einen Schneeball  nach dem anderen und er traf immer. Den Anführer der Jungs hatte er nun auf die Nase Getroffen. Sie blutete und färbte den Schnee hellrot. Ein weiterer Schneeball traf ihn wieder auf der Backe. Diesmal auf der Anderen. Er sah bereits aus, als ob er für Rotbäckchen Werbung machen würde.

Trotz ihrer Angst musste Katharina lachen.

Als der Anführer merkte, dass sich seine Freunde aus dem Staub machten, drehte er sich noch einmal zu Katharina um, hob die Faust und schrie: „Das gibt Rache4!“ Dann rannte er seinen Freunden hinterher.

Marian und Katharina konnten nun ihren Schneemann in Ruhe fertig bauen. Es war ein wunderschöner Schneemann, der stolz seine Nase gegen die Sonnte streckte. Nachdem sie ihm noch die Arme geformt hatten, standen die Beiden da und schauten ihr Werk an.

„Der ist toll geworden, nicht Marian?”, jubelte Katharina. „Mensch, und wie du die Jungs vertrieben hast, war einfach irre. Hoffentlich tun die mir morgen in der Schule nichts, fügte sie ängstlich hinzu.

„Keine Sorge, ich bin ja bei dir und werde denen, wenn es notwendig ist, nochmal einen Denkzettel verpassen. Dann aber so, dass sie ihn so schnell nicht wieder vergessen werden.“

„Kommst du denn mit in die Schule?“, fragte sie verdutzt.

„Klar“, sagte Marian, „wenn ich schon mal die Gelegenheit habe… Im Himmel geht man nicht in die Schule.“

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