Marian, der kleine Engel (Kapitel 3)

  • Posted on Oktober 4, 2014 at 19:34

Fortsetzung von Marian, dem kleinen Engel

Kapitel 3

Am nächsten Tag, es war der Samstag vor Heilig Abend, weckte Katharinas Mutter sie um neun Uhr. Ihr Vater hatte frei und sie wollten nach dem gemeinsamen Frühstück den Weihnachtsbaum kaufen gehen. Als ihre Mutter das Zimmer verlassen hatte, weckte Kathi Marian auf. „He Marian, aufstehen!“, sagte sie und strich ihm leicht über die Wange. Marian schlug die Augen auf.

„Ich habe so gut geschlafen und fühl ich wie neugeboren.“ Er streckte sich und reckte sich ausgiebig. „Meine Flügel tun auch nicht mehr so weh wie gestern Abend“, strahlte er.

Katharina hatte sich in der Zwischenzeit angezogen und rannte schnell ins Bad. Heute war nur Katzenwäsche angesagt. Ein paar Minuten später rannte sie schon wieder zurück in ihr Zimmer. „Marian, ich geh schnell frühstücken. Warte hier, ich bring dir was mit“, sagte sie und wollte zur Türe hinaus.

Marian sah sie traurig an. „Kann ich denn nicht mit?“, fragte er.

„Naja“, meinte Kathi nach kurzem Überlegen, „es kann dich ja keiner sehen. Warum nicht. Also, komm schon. Du kannst ja mit mir von meinem Teller essen. Das fällt bestimmt nicht auf.“

Zusammen gingen sie in die Küche. Kathis Eltern saßen bereits am Frühstückstisch. Sie schob Marian auf die Eckbank und setzte sich neben ihn. Sie begann sich ein Brötchen zu schmieren.

„Mama, kann ich noch einmal eine Tasse Kaba haben?“, fragte sie und streckte ihrer Mutter die leere Tasse entgegen.

„Wie, hast du sie etwas schon leer getrunken?“, fragte ihre Mutter erstaunt, stand aber auf und machte ihr eine neue Tasse Kaba.

Nach dem Frühstück zogen die Drei (Vier) dann los. Marian war ganz aufgeregt, denn er war noch nie mit einem Auto gefahren. Was hatte er alles zu erzählen, wenn er wieder im Himmel war. Ob seine Engelsfreunde ihm wohl glauben würden? Stolz saß  er neben Kathi im Auto und schaute zum Fenster hinaus.

„Sag, Marian, gefällt dir das Autofahren?“, raunte sie ihm leise ins Ohr.

„Supersternengalaktisch gut“, jubelte Marian leise zurück.

Zum Glück unterhielten sich ihre Eltern so angeregt, so dass sie nicht hörten. Endlich waren sie auf dem Christkindlmarkt. Es war eine richtige kleine Budenstadt, wo es bunte Glaskugeln, Strohsterne, Krippen, Krippenfiguren und noch vieles mehr zu kaufen gab. Das Schönste aber war der Stall mit der Krippe, in der eine Babypuppe lag, die das Christkind darstellen sollte. Gleich daneben standen die Hirten, Schafe, Kühe und Ziegen. Über dem Stall schwebte ein großer, leuchtender Stern.

Kathi und Marian konnten sich nicht daran sattsehen und erst als ihre Eltern sie energisch aufforderten endlich mitzukommen, rissen sie sich los und rannten schnell  ihren Eltern hinterher. Ein paar Meter weiter gab es eine große Auswahl an Christbäumen, große und kleine. Kathis Vater nahm einen nach dem Anderen, stellte ihn auf, begutachtete ihn von allen Seiten, legte ihn zur Seite und nahm den Nächsten. Er hatte an jedem  Baum etwas auszusetzen. Kathi und ihre Mutter verdrehten sie Augen und sahen sich genervt an.

„Komm, Franz, den nehmen wir, der ist doch gut“, sagte Kathis Mutter schließlich, als er einen, ihrer Meinung nach makellosen Baum aufstellte. Kritisch drehte Kathis Vater ihn mehrmals im Kreis, damit er ihn von allen Seiten betrachten konnte. „Nein“, sagte er schließlich, „der ist nicht dicht genug.“ Er legte ihn wieder zurück.

So ging das bestimmt eine Stunde. Kathi hatte nicht mitgezählt, aber ihr Vater hatte bestimmt, da war sie sich ganz sicher, mindestens hundert Bäume angeschaut. Sie fror mittlerweile und hatte genug. „Papa, so nimm doch endlich einen“, sagte sie. „Mir ist kalt und ich will heim.“

„Gleich Kind“, antwortete ihr Vater und wollte den nächsten Baum nehmen. In dem Moment fiel sein Blick auf eine große Tanne, die nicht wie die anderen lag, sondern wie von Zauberhand gehoben stand. „Das ist er“, sagte ihr Vater und steuerte den Baum an. „Schaut mal, der ist so gerade und regelmäßig gewachsen, dass er sogar von alleine steht.“

Was er allerdings nicht sehen konnte war, dass Marian den Baum mit all seiner Kraft hielt. Marian hatte mit geübtem Blick die Bäume angeschaut und dann zielsicher den Schönsten gefunden.

Stolz trug Vater seinen Baum zum Auto, nachdem der Christbaumhändler ihn vorsichtig in ein Netz verpackt hatte. Er band ihn auf das Autodach und nachdem sie auf dem Weihnachtsmarkt noch eine Kleinigkeit gegessen hatten, fuhren sie nach Hause. Dort wurde der Weihnachtsbaum auf die Terrasse in einen Eimer Wasser gestellt.

Nach dieser Anstrengung ließ sich Kathis Vater in seinen Sessel im Wohnzimmer fallen, schaltete den Fernseher ein und war schon nach wenigen Minuten eingeschlafen. Er fing fürchterlich zu schnarchen. Es war, als wollte er den Fernseher an Lautstärke übertönen. Kathi und Marian kicherten vor sich hin.

„Kathi, versteck dich doch mal hinter dem Sessel“, sagte Marian immer noch kichernd.

„Warum?“, fragte Kati erstaunt.

„Du wirst gleich sehen, aber du darfst nicht lachen.“ Marian ging auf ihren Vater zu und zwickte ihn leicht in die Nase. Sofort hörte das Schnarchen auf und unwirsch führ sich Kathis Vater über das Gesicht, schnarchte aber sofort wieder weiter.

Diesmal zog Marian an seinem Ohr und als er nicht reagierte zog er gleich noch einmal, diesmal aber Kräftiger. Kathis Vater fuhr auf, schaute sich verwirrt im und rief laut: „Was zum Teufel war das?“

Kathi, die hinter dem Sessel kauerte, hielt sich die Hand vor den Mund und versuchte mit aller Kraft das Lachen zu unterdrücken. In dem Moment kam Kathis Mutter ins Wohnzimmer. Auf ihren Händen balancierte sie ein Tablett. „Was schreist du denn so?“, fragte sie und stellte das Tablett auf dem Wohnzimmertisch ab.

„Ach nichts“, sagte der Vater, nachdem er festgestellt hatte, dass außer ihm und seiner Frau niemand im Zimmer war, „ich habe wohl geträumt.“

Kathis Mutter lächelte und schüttelte den Kopf. Sie goss ihm eine Tasse Kaffee ein und stellte eine große Schale mit Weihnachtsgebäck auf den Tisch. Es duftete herrlich nach Zimtsternen, Pfefferkuchen und  Makronen. Kathi lief das Wasser im Mund zusammen, doch sie wusste nicht, wie sie unbemerkt hinter dem Sessel hervorkommen konnte. „Marian“, flüsterte sie leise, „ich will Kekse und Kakao, aber wenn ich jetzt hinter dem Sessel vorkomme, dann schimpft mein Vater. Dann glaubt er, dass ich ihn am Ohr gezogen habe.“ Vorwurfsvoll schaute sie Marian an. „Du hast mich in diese Lage gebracht. Jetzt hilf mir auch wieder heraus.“

„Kein Problem“, kicherte Marian und ging zum Tisch. Dort fing er an die Teller und Tassen umher zu schieben, um so ihre Eltern abzulenken, damit Kathi schnell aus dem Wohnzimmer hinausschleichen konnte.

Entsetzt starrte die Mutter auf die sich bewegenden Tassen und Teller. „Franz, hast du das gesehen?“

„Nein, was denn?“, antwortete Kathis Vater ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen.

„Franz, die Tassen und Teller haben sich bewegt.“

Jetzt löste der Vater doch seinen Blick vom Fernseher und sah seine Frau erstaunt an. „Was meinst du damit, die Tassen und Teller haben sich bewegt?“ Er schaute auf die Teller und Tassen, die aber wieder so, wie Kathis Mutter sie hingestellt hatte, standen. „Also, ich sehe nichts. Die stehen doch ganz ruhig da. Du musst dich geirrt haben. Außerdem bewegen sich Teller und Tassen schließlich nicht von alleine.“

„Mama, ich will auch einen Kakao und Kekse“, rief Kathi und platzte ins Wohnzimmer. Sie setzte sich auf die Couch und schaute ihre Mutter erwartungsvoll an. Marian setzte sich neben sie.

Kathis Mutter goss ihr Kaba in eine Tasse. „Und ich hab es doch gesehen“, beharrte sie eigensinnig.

„Was hat du gesehen“, fragte Kathi unschuldig und nahm sich einen Keks.

„Eine Mutter meint, wir haben hier einen Pumuckl, der Tassen und Teller verschiebt“, sagt ihr Vater lachend.

Kathis Mutter schaute ihn wütend an, hielt es aber für besser nichts mehr darauf zu sagen. Wortlos trank sie ihren Kaffee und schaute angestrengt auf den Fernseher, als gäbe es nichts Interessanteres.

Kathi und Marian ließen sich die Kekse schmecken. Am meisten aber aß Marian, der noch nie so etwas Gutes gegessen hatte.

„Du, hör jetzt auf“, flüsterte Kathi , „dir wird sonst noch schlecht.“

Ihr Vater schaute sie an. „Hast du was gesagt?“, wollte er wissen.

Kathi zog die Augenbrauen in die Höhe. „Nö, warum?“

„Ich dachte, ich hätte was gehört“, sagte ihr Vater und wandte sich wieder dem Fernseher zu.

Kathi wurde es langweilig, sie nahm Marians Hand und zog ihn aus dem Zimmer. Draußen sagte sie: „Ich hab keine Lust zum Fernsehen. Lass uns in mein Zimmer gehen und etwas spielen. Hast du Lust?“

„Klar“, sagte Marian und folgte ihr wie ein kleiner Schatten.

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