Der untervermietete Untermieter

  • Posted on März 17, 2014 at 15:57

AngerDer untervermietete Untermieter

Es war ein ganz normaler Samstagmorgen. Das heißt, ganz normal war er eigentlich nicht, denn Moni war ja nicht mehr da. Lisa stand gegen neun Uhr auf und schlurfte gähnend ins Bad. Dort brachten ungefähr drei Liter kaltes Wasser ihre Lebensgeister wieder einigermaßen in Schwung. Anschließend ging sie in die Küche und setzte Kaffee auf. Sie deckte den Tisch und stellte dabei fest, dass sowohl die Marmelade als auch das Brot zu ende waren. „Verdammt, seit Moni in Amerika ist, funktioniert in dem Laden überhaupt nichts mehr“, schimpfte sie vor sich hin. Sie erinnerte sich einer alten Packung Zwieback und kramte sie aus der hintersten Ecke des Schrankes hervor. Bevor sie sich allerdings über ihr karges Frühstück hermachen konnte, klingelte es an der Türe. Seufzend stand Lisa wieder auf, stapfte zur Türe und riss sie schwungvoll auf.

Vor ihr stand ein junger Mann mit einer riesigen Tasche in der Hand und neben sich einen noch größeren Koffer. „Hallo“, grüßte er freundlich.

Lisa starrte unfreundlich zurück. „Was wollen Sie denn hier?“, fragte sie barsch.

„Einziehen“, sagte der junge Mann lächelnd.

„Was?“

„Ich wohne ab heute hier. Kann ich jetzt bitte hereinkommen?“

Lisa wollte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen, doch er war schneller und stellte einen Fuß dazwischen. „Aber hallo, junge Dame! Warum so unfreundlich?“ Er drängte sich an Lisa vorbei und stellte die große Reisetasche in der Diele ab.

Lisa stemmte die Fäuste in die Taille und blitzte den Eindringling wütend an. „Sie wissen ganz genau, was ich gegen Sie habe! Und nun packen Sie ihren Krempel und verschwinden, bevor ich die Polizei rufe!“

„Tut mir leid, aber ich wohne ab heute wirklich hier.“

„Das…, das kommt überhaupt nicht in Frage!“, schrie Lisa empört. „Was gibt Ihnen eigentlich das Recht, Herr…., Herr…“

„Lautermann. Heiner Lautermann.“ Er machte eine kleine Verbeugung. „Meine Cousine Monika“, erklärte er, „hat mir ihr Zimmer untervermietet bis sie wieder aus den Staaten zurück kommt.“ Schnuppernd verfolgte er den Kaffeeduft bis in die kleine Wohnküche. Lisa folgte ihm wütend.

„Hm, da komme ich ja gerade richtig. Darf ich?“ Ohne Lisas Antwort abzuwarten schnappte er sich eine Tasse von der Anrichte und goss sich Kaffee ein. Genussvoll nahm er einen Schluck. „Also Kaffee kochen können Sie jedenfalls besser als Autofahren.“ Er setzte sich auf Monis Stuhl.

Lisa war fast am Überkochen. So eine Dreistigkeit war ihr noch nie untergekommen und Moni…. Na, warte, dachte sie zornig, wenn die wiederkommt, dann….. Einfach die Wohnung an diesen unmöglichen Kerl zu vermieten. Und – schlimm genug, dass es ein Mann war, wenn auch ein unverschämt gut aussehender, wie sich Lisa insgeheim eingestand, aber dann auch noch ausgerechnet der.

Heiner Lautermann, der keinen Blick von Lisa gelassen hatte, lächelte.

„Was starren Sie mich so an?“, fauchte Lisa.

„Sie sehen bezaubernd aus, wenn Sie wütend sind. Das habe ich im Übrigen schon damals, bei unserer ersten Begegnung festgestellt.“

„Sie…, Sie… unverschämter Lümmel Sie!“ Lisa war der Appetit vergangen. Sie drehte sich um und rauschte aus dem Zimmer. Sekunden später flog ihre Schlafzimmertür mit einem donnernden Krach zu.

Sie warf sich auf ihr Bett und stützte die Ellbogen auf. Wie konnte Moni ihr bloß so was einbrocken? Moni, die ein Jahr in Amerika bei ihren Großeltern väterlicherseits verbrachte, hatte ihr nur erzählt, dass sie ihren Teil der Wohnung für die Zeit ihrer Abwesenheit an irgendjemand aus ihrer Verwandtschaft vermietet hätte. Lisa hörte noch ihre Worte: Du wirst zufrieden sein, hatte sie gesagt. Bah, zufrieden! Wenn die wüsste! Ihr Glück, dass sie soweit weg war…

Heiner trank den Kaffee aus, dabei fiel sein Blick auf das dürftige Frühstück und blieb dann an dem ungewaschenen Geschirr hängen, das sich in der Spüle stapelte. Na, hausfrauliche Qualitäten schien sie ja nicht gerade zu haben, dachte er und stand auf, um seinen noch immer im Treppenhaus stehenden Koffer zu holen.

In der nächsten Zeit versuchten beide sich möglichst nicht zu begegnen, was natürlich in einer Zweizimmer-WG nicht ganz so einfach war. Heiner hatte sich wohnlich eingerichtet und war zu Lisas großer Überraschung sehr ordentlich, zu ordentlich für einen Mann. Nirgends lag etwas von ihm herum, außer im Bad, aber das musste sie ja notgedrungen teilen. Das war ziemlich schwierig. Morgens versuchte jeder sich das Bad als erster zu erkämpfen, was dann jedes Mal im Streit endete und einer von beiden zu spät zur Arbeit kam.

Das ging solange, bis Heiner seinen Wecker eine halbe Stunde früher stellte und so, wenn Lisa aufstand schon fertig war. Bis sie dann aus dem Bad kam, hatte er bereits den Frühstückstisch gedeckt und es duftete nach Kaffee und frisch aufgebackenen Brötchen. Seit Heiner eingezogen war, hatte Lisa nie wieder trockenen Zwieback zum Frühstück essen müssen.

Doch Lisa grollte noch immer. Soll er sich doch einschleimen, dachte sie, mich kriegt der nicht rum. Was der sich damals geleistet hat, verzeihe ich ihm nicht.

Eines Abends hatte Lisa es sich in der Badewanne gemütlich gemacht. Wohlig ausgestreckt lag sie im warmen Wasser und blätterte in ihrer Lieblingszeitschrift. Plötzlich öffnete sich die Türe und Heiner Lautermann streckte den Kopf herein. Eine Schrecksekunde später tauchte Lisa samt Lieblingszeitschrift unter.

„Glauben Sie ja nicht, ich hätte noch nie eine nackte Frau gesehen“, sagte er und grinste anzüglich, als Lisa notgedrungen, mit rotem Kopf und nach Luft ringend, wieder auftauchte und sofort versuchte ihre Blöße mit den Armen zu verdecken. Er machte keine Anstalten zu gehen.

„Raus hier! Sofort raus hier, sie unverschämter Kerl, Sie!“, schrie Lisa außer sich vor Wut.

Als sie eine halbe Stunde später und nicht mehr ganz so wütend in ihren weißen flauschigen Bademantel und in eine Wolke Noa gehüllt in die Küche kam, werkelte Heiner eifrig am Herd und es duftete verführerisch nach Tortellini.

Lisa spürte mit einem Mal wie hungrig sie war. Aus den Augenwinkeln schielte sie zum Tisch und traute ihren Augen nicht. Er war für zwei Personen gedeckt, so richtig liebevoll, mit Tischtuch, Servietten, Kerzen und in der Mitte steckte doch tatsächlich, und das war die allergrößte Frechheit, in ihrer einzigen guten Vase ein wunderschöner Strauß aus roten und weißen Rosen.

„Sieht nach Damenbesuch aus?“, fauchte Lisa.

„Erraten“, sagte Heiner fröhlich und drehte sich um. Er kam auf sie zu, bis er dicht vor ihr stand und sah ihr tief in die Augen. Lisa konnte seinem Blick nicht standhalten und senkte den Kopf. Oh, Mann, diese Augen, dachte sie, strahlend blau, wie ein kleiner Bergsee. Wenn wir uns unter anderen Umständen kennengelernt hätten, dann ….

Lisa wich zwei Schritte zurück. „Ich dulde hier keinen Dam….!“

Heiner Lautermann fiel ihr ins Wort. „Komm, zieh dir endlich was an, aber was Hübsches. So bist du nicht gesellschaftsfähig“, grinste er sie unverschämt an.

Was viel diesem Kerl bloß ein. Nicht nur, dass er sie plötzlich duzte, nein, nun wollte er ihr schon vorschreiben was sie zu tun hatte. Das ging nun aber entschieden zu weit. „Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass mit Ihnen Brüderschaft getrunken zu haben, Herr Lautermann“, sagte Lisa hoheitsvoll, zog sich dann aber doch in ihr Zimmer zurück.

Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie zog ihr schickes rotes Kostüm an, das ihre schlanke Figur mehr als vorteilhaft zur Geltung brachte und passend dazu ihre roten Stöckelschuhe. Danach kämmte sie sich sorgfältig ihre langen dunklen Haare und legte etwas Make-up auf: „Na, warte, dir werd’ ich’s zeigen“, murmelte sie vor sich hin. Dir werd’ ich die Suppe gründlich versalzen. So schnell bringst du keine Freundin mehr hierher.“

Langsam, mit schwingenden Hüften, als ob sie auf einem Laufsteg gehen würde, stöckelte sie in die Küche, setzte sich auf einen Stuhl und schlug ihre langen Beine übereinander.

Heiner, der gerade einen Salat zubereitete, warf ihr einen Blick zu. „Toll siehst du aus.“

„Danke“, antwortete Lisa und machte ein möglichst hochmütiges Gesicht. Schade, dachte sie,  eigentlich ist er ja ganz nett… und seine Augen erst…

„So“, sagte Heiner und stellte den Salat auf den Tisch, „jetzt noch was ganz Feines.“ Er ging zum Kühlschrank und nahm eine Flasche Sekt heraus, öffnete sie und stellte sie auf den Tisch.

Lisa beobachtete unauffällig seine Aktivitäten. Das war ja gar kein Sekt, das war Champagner! Der fährt ja ganz schöne Geschütze auf, dachte Lisa wütend. Muss wohl was ganz Besonderes sein, seine Freundin. „Wann kommt sie denn nun?“, frage Lisa. Sie konnte es kaum mehr abwarten, denn sie hatte vor den ungebetenen Damenbesuch umgehend in die Flucht zu schlagen und das ganz einfach, indem sie Heiners Freundin mimte.

„Wer?“, frage Heiner unschuldig schmunzelnd.

„Ihre Freundin“, sagte Lisa ungeduldig.

Heiner schenkte zwei Gläser Champagner ein, stellte die Flasche hin und reichte Lisa ein Glas.

„Was soll das denn?“, fragte Lisa. „Sollten Sie den nicht für Ihre Freundin aufheben?“, fuhr sie spöttisch fort.

„Mach dir keine Gedanken. Du hast vorher behauptet, dass wir noch nicht Brüderschaft getrunken haben, und das, obwohl wir nun schon seit sechs Wochen zusammen wohnen. Wir sollten das jetzt nachholen.“ Er hob das Glas.

Empört stellte Lisa ihr Glas zurück auf den Tisch. Ihre Augen funkelten. „Was bilden Sie sich eigentlich ein. Ich will nicht mit Ihnen Brüderschaft trinken. Haben Sie vielleicht schon vergessen, wie Sie mich damals, nach unserem Unfall behandelte haben? Das war mehr als unfair, und das, obwohl alles Ihre Schuld war. Leider hatten Sie den besseren Anwalt.“ Lisa hatte sich in Rage geredet und stand mit in die Taille gestemmten Fäusten vor ihm.

Heiner schaute sie mit seinen blauen Augen reumütig an. „Ich weiß, dass mein Verhalten falsch war und möchte mich heute dafür bei dir entschuldigen. Ich verspreche auch, dass ich es wieder gut machen werde. Meinst du, du kannst mir verzeihen?“

Lisa schaute ihn immer noch finster, mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Ach, seine Augen… Wenn er doch bloß nicht so wunderschöne blaue Augen hätte… Lisas Gesicht hatte sich unmerklich entspannt und sie lächelte sogar leicht.

Das war das Signal für Heiner. Er riss sie stürmisch in seine Arme, schaute ihr tief in die Augen und küsste sie leidenschaftlich. „Meine Güte, Lisa…“, stammelte er, „ich liebe dich! Das weiß ich schon seit unserer Gerichtsverhandlung.“ Als Lisa wieder halbwegs zu Atem gekommen war, legte auch sie ihre Arme um seinen Hals. „Du hast bloß Glück, dass du so verdammt blaue Augen hast…“

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